Zwei groteske Köpfe im Profil
Leonardo da Vinci
um 1503-1505
Das kleine Blatt zeigt auf der rechten Seite das Brustbild einer negroiden Gestalt mit karikaturhaft überzeichneter Lippen- und Nasenpartie und daneben in dünneren Federlinien ein nur schwer zu erkennendes Gesicht, das durch sein flaches Kinn und die herabgebogene, auf der breiten Oberlippe direkt aufliegenden Nase zum Abnorm-Komischen hin entstellt ist.
Den primären Ausgangspunkt für derartige Studien lieferten Leonardo wohl bizarre Typen mit außergewöhnlich ausgeprägten, bisweilen hässlichen und entstellten Physiognomien in seiner direkten Umgebung, die ihn fesselten und die er zur Anreicherung seines Figurenrepertoires sofort auf einem Blatt Papier festhielt. Laut #Vasari bereitete es Leonardo besonderes Vergnügen, "wenn er Menschen mit ungewöhnlichen Gesichtszügen, Bärten oder Haarschmuck begegnete; wer ihm gefiel, dem hätte er einen ganzen Tag nachgehen können, und seine Gestalt prägte sich ihm also ein, daß er, zu Hause angelangt, sie zeichnete, als ob sie vor ihm stünde" (Vasari, Ausg. Kanz 1996, S. 16 f.). Leonardo hat aber über seine gesamte Schaffenszeit hinweg immer wieder dieselben verzerrt oder übertrieben ausgebildeten Gesichtspartien verwendet und miteinander kombiniert. Alle Variationen beruhen auf einem konstanten, begrenzten Formenschatz, und so ist der Übergang von der reinen Naturbeobachtung zu den mehr aus der Vorstellung heraus geschaffenen Studien bizarr-komischer Typen gewiss fließend.
Wie aus einer #Francesco Melzi zugeschriebenen Kopie in der New Yorker Pierpont Morgan Library hervorgeht(Albertina/Venedig//Bilbao 2004/05, Abb. S. 32), ist das Wiener Blatt auf der linken Seite beschnitten, auf der ursprünglich ein weiterer Kopf zu sehen war. Die Kopie gehört zu einer Reihe von weiteren, ursprünglich alle auf einen großen Bogen geklebten Blättern, auf denen einander gegenüberstehende Paare oder Dreiergruppen zu sehen sind. Deren Physiognomien sind unterschiedlich, ja gegensätzlich, und steigern dadurch den Ausdruck und das Sonderbare des Einzelnen, verdeutlichen die Kontraste zwischen den verschiedenen Charakteren. Im vorliegenden Blatt stellte Leonardo dem angriffslustigen, aufbrausenden Temperament des Lockenkopfes einen störrischen, gewitzten Alten mit eingefallener Mundpartie und einem bis zur Nasenspitze vorspringenden Kinn gegenüber, der später dann abgetrennt wurde. Zwischen die beiden schob er das Profil eines launischen, missmutigen und verbissenen Typen.
In diesem Kontext wurde auf Leonardos Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen der äußeren menschlichen Erscheinung und den inneren Anlagen, von Körper und Charakter hingewiesen: "Freilich zeigen die Gesichtszüge zum Teil das Wesen der Menschen, ihrer Laster und ihrer Veranlagungen" (Leonardo zit. nach Chastel 1990, S. 311). Leonardo befasste sich nachweislich mit einem Traktat über Physiognomik, und so könnten die grotesken Paare einer solchen, heute verlorenen Abhandlung entnommen sein (Kwakkelstein 1994, S. 77, 119). Auch wenn sich dies nicht mehr nachweisen lässt, so sind diese Köpfe gewiss keine flüchtigen Randnotizen, sondern gezielte Kombinationen der verschiedenen Charaktere, die durch groteske Überspitzung in ihrer extremsten und zugleich reinsten Form zum Ausdruck kommen. Sie amüsieren uns, aber sie bestürzen uns auch - da wir ihre Nähe zur Realität erkennen.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 30.
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