Polidoro Caldara da Caravaggio, Frauenstudien, Inv. Nr.: 399
Frauenstudien
Polidoro Caldara da Caravaggio, Frauenstudien, Inv. Nr.: 399
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Frauenstudien

Polidoro Caldara da Caravaggio

1524 - 1526




Künstler:in (Caravaggio um 1499 (?) - 1543 Messina)
Date1524 - 1526
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesRötel, Spuren einer Vorgriffelung
Dimensions20,7 x 28,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number399
Inscribedr.u. "R" (in Rötel); "POLID" (quergestellt, in Feder von der Hand Francisco de Hollandas)
Markingsr.u. Pierre-Jean Mariette (Lugt 2097); l.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Polidoro da Caravaggio erlangte in erster Linie durch zahlreiche römische Fassadenmalereien im antikischen Stil Berühmtheit. Zu diesen Werken haben sich jedoch relativ wenige Studien erhalten. Häufiger sind Zeichnungen ohne direkten Verwendungszweck, in denen er genreartige Szenen nach der Natur mit zumeist einfachen volkstümlichen Charakteren festhält.
Dieses Blatt aus der römischen Zeit mit anmutigen Figurenstudien befand sich einstmals zusammen mit anderen Zeichnungen Polidoros in der Sammlung des portugiesischen Künstlers und Kunsttheoretikers #Francisco de Holanda. Hier hat er über das gesamte Blatt verteilt mindestens neun mit dem Waschen, Trocknen und Transportieren von Kleidungsstücken beschäftigte Frauen beobachtet. Der Künstler hat sie mit langgezogenen Linien zunächst nur grob umrissen. Dann wurden sie mit dicht aneinandergesetzten Schrägschraffuren, die im Aufdruck geringfügig variieren, deutlicher heraus modelliert, und die einzelnen Gesten akzentuiert. Da die Posen jedoch nicht unmittelbar aufeinander Bezug nehmen, dürfte der Künstler die Komposition aus zuvor angefertigten Einzelstudien zusammengesetzt haben, wie D. Franklin treffend beobachtet hat. Dies wird auch an der unklaren räumlichen Anordnung der einzelnen Motive und an der Lichtbehandlung deutlich, die von Figur zu Figur geringfügig variiert. Dennoch fügen sich die rhythmisch geschwungenen Posen harmonisch aneinander.
Die waschende Frau links scheint sich zu neigen, ein Eindruck, der nur durch den Kontrast zwischen dem lichtbestrahlten Kopf und den Schultern und der verschatteten unteren Körperpartie entsteht. Das skizzenhaft angedeutete, sich vorbeugende Mädchen dahinter und die Frau mit einem Wäschebündel auf dem Kopf hat Polidoro in leicht variierter Haltung auf einem anderen Blatt im Besitz der Albertina nochmals sorgfältiger studiert (Ravelli 1978, Nr. 75; Birke/Kertész I, S. 226, Inv. 400).
Ebenfalls in diesem Zusammenhang gehört eine weitere Zeichnung der Albertina, die vermutlich den mit einem Kleid verhüllten Unterkörper des vorgebeugten und in Seitenansicht gezeigten Mädchens am linken Bildrand wiedergibt (Ravelli 1978, Nr. 76; Birke/Kertész I, S. 204, Inv. 364). Die vom Rücken her gesehene Frau, die mit beiden Armen einen Stoff zum Trocknen hochnimmt, kehrt in variierter Form auf einer vielfigurigen Studie im Louvre wieder, die möglicherweise eine Pestszene wiedergibt (Marabottini 1969, Bd. 1, S. 309, Dis. 24, Bd. 2, Taf. LXXXI, Ravelli, 1978, Nr. 65). Sie entstand wie eine Zeichnung mit Kartenspielern im Louvre (Marabottini, 1969, Bd. 1, S. 303, Dis. 24, Bd. 2, Taf. LXXIV; Ravelli 1978, Nr. 65; Ravelli 1978, Nr. 94) wohl zu derselben Zeit wie die "Wäscherinnen" in der Albertina. Im Unterschied zu Polidoros Entwurf für das "Treffen von Janus und Saturn" in der Villa Lante um 1524 mit seinen nebeneinandergereihten, noch statischer aufgefassten Akteuren sind die Bewegungen der Frauen bereits dynamischer und gleiten organischer ineinander. Ihre Körper sind kräftiger und von größerer innerer Festigkeit. Zugleich ist der Rötelstrich feiner, wodurch die Wiedergabe detaillierter und präziser wird. Die Zeichnung in der Albertina und die zum Vergleich herangezogenen, stilistisch verwandten Studien dürften daher etwas später zu datieren sein, wohl um 1525-1527.

Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 66, S. 168.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 475
  • Stix 1932, 174
  • Birke/Kertész I
  • Bibliography
  • Braun 307 - Mariette 1741, Nr. 163 (?)
  • Basan 1775, Nr. 270 (?)
  • Bartsch, 1794, S. 109, Nr. 10
  • Wickhoff, 1892, S. XXXVIII (oberitalien. Künstler vor Beginn des 18. Jahrhunderts)
  • Stix und Fröhlich-Bum, 1932, S. 25, Nr. 174
  • London, 1948, Nr. 23
  • Popham/Wilde 1949, p. 295, Kommentar zu Nr. 691
  • Marabottini, 1969, Bd. 1, S. 309, Nr. 44, Bd. 2, LXXX, 4
  • Ciardi Dupré und Chelazzi Dini, 1976, S. 322 - 323, Nr. 142, Abb. S. 294
  • Ravelli, 1978, Nr. 74
  • Majorana, 1980, Abb. S. 40
  • A.K. Paris 1983/84, p. 100, Kommentar zu Nr. 114
  • Gere, 1985/86, S. 67
  • Neapel, 1988/89, S. 31, III b. 1
  • Chelazzi Dini, 1988, S. 96, Abb. 2
  • Birke 1991, p. 62-63, Abb. 66
  • Birke und Kertész, 1992, Bd. 1, S. 225
  • Gnann, 1996, S. 245, Abb. 5
  • Gnann, 1997, S. 203, Anm. 856
  • Mantua und Wien, 1999, Nr. 277
  • Franklin, 2000, S.14 ff., fig. 8
  • Leone de Castris, 2001, S. 224, fig. 42, Nr. D 273
  • Venedig, Wien und Bilbao, 2004-2005, Nr. 66 (Text von A. Gnann)
  • Haarlem 2012/2013, Kat. 88 (Text v. A. Gnann)
  • Provenance
  • Francisco de Holanda
  • Roger de Piles (?)
  • Pierre Crozat
  • Pierre-Jean Mariette
  • Julien de Parme
  • Prince Charles de Ligne
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/23512/frauenstudienImage Request
    Last edited05.08.2021