Raffaello Santi, Spielende Putten, Inv. Nr.: 246r
Spielende Putten
Raffaello Santi, Spielende Putten, Inv. Nr.: 246r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Spielende Putten

Raffaello Santi

um 1508




Künstler:in (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Dateum 1508
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesKreide, Feder in Braun
Dimensions21,7 x 37,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number246r
Inscribedrechts unten in Feder 'R. V.'.
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

In der Kunst Raphaels spielen Kinder sowohl formal als auch inhaltlich eine bedeutende Rolle im Bildgeschehen. Sie treten in Gestalt des Christuskindes, des Johannesknabens, von Eroten, Engeln oder Assistenzfiguren in Gemälden religiösen, allegorischen, historischen oder mythologischen Inhalts auf. Raphael beobachtet an ihnen alle Möglichkeiten des kindlichen Ausdrucks, ihre Natürlichkeit, Unverdorbenheit, ausgelassene Freude, Neugier, ihr unbeschwertes spielerisches Wesen und ihr Vertrauen in die sie umgebende Welt. In dem vorliegenden Blatt der Albertina stellt sie der Künstler in ausgelassenem Treiben in einzelnen Gruppen dar, die sich von beiden Seiten her über das Blatt verteilen: Links deutet ein erhöht sitzender Knabe nach oben, während nebenan seine Kameraden wohl mit einem Hund spielen. Arm in Arm und von einem Band umschlungen schreitet eine Paar hinzu, wohingegen der auf dem Bauch liegende Putto im Vordergrund von all dem keine Notiz nimmt. Auf der rechten Seite muß sich ein Knabe geradezu akrobatisch zurückbiegen, da er von hinten ergriffen wurde. Und sogleich eilt ein Dritter herbei.

In der Literatur wurde häufig angenommen, es handle sich bei der Darstellung um eine Illustration des von Philostrat d.Ä. beschriebenen Gemäldes „Die Eroten“ (Eikones I, 6), woran die Motive des Schlafenden oder der Ringenden tatsächlich erinnern. In der Beschreibung des antiken Bildes werden jedoch Äpfel, mit denen die Eroten spielen, Bogenschützen und eine Hasenjagd erwähnt. Da diese Begebenheiten fehlen, bot die Ekphrasis von Philostrat allenfalls eine weitläufige Anregung für die Zeichnung.

Raphael umschreibt die Körper der Putten mit extrem flüssigen, an manchen Stellen verstärkten Federlinien, und verzichtet dabei weitgehend auf eine Binnenmodellierung. Allein durch die Variation des Konturs und das Aneinandersetzten unterschiedlich kurvierter Linien vermag der Künstler die jeweilige Bewegung des Körpers und die räumliche Lage der Gliedmaßen festzulegen. Die Linienführung läßt deutlich den Einfluß von Leonardos Zeichenstil verspüren, mit dem sich Raphael während seiner Florentiner Zeit vertraut gemacht hat.[1] So weist auch der Stil des Blattes auf eine Entstehung gegen Ende seines Aufenthaltes (1504-1508) in der Arnostadt hin (um 1508). Die bereits zu Knaben herangereiften Putten mit ihren weichen Körpern und dem biegsamen Fluß ihrer Bewegungen finden sich etwa in verschiedenen Entwürfen für eine Madonna lactans[2] in der Albertina sowie in den Gemälden Madonna Canigiani in München (Alte Pinakothek), Madonna del Baldachino in Florenz (Palazzo Pitti) und Großen Madonna Cowper in Washington (National Gallery of Art).

Die Zeichnung der Albertina ist am oberen Rand beschnitten, weshalb die Studien einzelner Körperteile in diesem Bereich zum Teil nur fragmentarisch erhalten sind. Sie beziehen sich nicht notwendigerweise auf die Komposition unterhalb. Auf der Rückseite (Inv. 246v) befindet sich eine Nachzeichnung von Raphaels Zeichnung Tod des Adonis im Ashmolean Museum in Oxford. Der Urheber dieser Kopie ist bislang unbekannt.



[1] Vgl. etwa Leonardos Studien zu einer Madonna mit Kind im British Museum in London oder die Skizze zu einer Madonna mit Fruchtschale im Louvre in Paris (Zöllner, 2003, Nr. 110, 118).

[2] Siehe Wien, 1983, unter Nr. 13.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, 302
  • Stix 1932, 60
  • Birke/Kertész I
  • Bibliography
  • Weigel 7133
  • Braun 188 - Bartsch, 1794, S. 9, Nr. 31
  • Passavant, 1860, Bd. 2, S. 444, Nr. 231
  • Waagen, 1867, S. 150, Nr. 241
  • Ruland, 1876, S. 141, Nr. VII, 1, S. 141, S. 23, Nr. 29
  • Morelli, 1891/92, S. 574, Nr. 188
  • Wickhoff, 1892, S. XXIX
  • Schönbrunner-Meder [o.J.], XII, Nr. 476
  • Fischel, 1898, S. 187, Nr. 495
  • Gronau, 1902, S. 37, Tafel X (Detail)
  • Förster, 1904, S. 29f.
  • Fischel, 1924, Tafel 27
  • Fischel, Raphaels Zeichnungen, IV, unter Nr. 200 und Nr. 202
  • Stix und Fröhlich-Bum, 1932, S. 11, Nr. 60
  • Eich, 1944, Pl. 21 (Detail)
  • Parker 1956, p. 285, Kommentar zu Nr. 539
  • Wien, 1983, Nr. 15 - 16
  • Knab, Mitsch, Oberhuber, 1983, Nr. 250
  • Joannides, 1983, Nr. 144
  • Marek, 1985, S. 19, Abb. 10
  • S. Massari et al., Raphael invenit, Rom 1985, p. 16, Anm. 51
  • Cordellier und Py, 1992, S. 335, 519
  • Birke und Kertész, 1992, Bd. 1, S. 146f.
  • New York, 1997, Nr. 13 (Text v. A. Gnann)
  • A. Henning (Hg.), Die Sixtinische Madonna. Raffaels Kultbild wird 500 (Ausstellung Dresden 2012), Kat. 15 (Text v. A. Gnann)
  • Provenance
  • Timoteo Viti
  • Marchese Antaldi
  • Pierre Crozat
  • Marquis de Gouvernet
  • Julien de Parme
  • Prince de Ligne
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen (L. 174)
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/23548/spielende-puttenImage Request
    Last edited17.04.2013