Spielende Putten
Raffaello Santi
um 1508
In der Kunst Raphaels spielen Kinder sowohl formal als auch inhaltlich eine bedeutende Rolle im Bildgeschehen. Sie treten in Gestalt des Christuskindes, des Johannesknabens, von Eroten, Engeln oder Assistenzfiguren in Gemälden religiösen, allegorischen, historischen oder mythologischen Inhalts auf. Raphael beobachtet an ihnen alle Möglichkeiten des kindlichen Ausdrucks, ihre Natürlichkeit, Unverdorbenheit, ausgelassene Freude, Neugier, ihr unbeschwertes spielerisches Wesen und ihr Vertrauen in die sie umgebende Welt. In dem vorliegenden Blatt der Albertina stellt sie der Künstler in ausgelassenem Treiben in einzelnen Gruppen dar, die sich von beiden Seiten her über das Blatt verteilen: Links deutet ein erhöht sitzender Knabe nach oben, während nebenan seine Kameraden wohl mit einem Hund spielen. Arm in Arm und von einem Band umschlungen schreitet eine Paar hinzu, wohingegen der auf dem Bauch liegende Putto im Vordergrund von all dem keine Notiz nimmt. Auf der rechten Seite muß sich ein Knabe geradezu akrobatisch zurückbiegen, da er von hinten ergriffen wurde. Und sogleich eilt ein Dritter herbei.
In der Literatur wurde häufig angenommen, es handle sich bei der Darstellung um eine Illustration des von Philostrat d.Ä. beschriebenen Gemäldes „Die Eroten“ (Eikones I, 6), woran die Motive des Schlafenden oder der Ringenden tatsächlich erinnern. In der Beschreibung des antiken Bildes werden jedoch Äpfel, mit denen die Eroten spielen, Bogenschützen und eine Hasenjagd erwähnt. Da diese Begebenheiten fehlen, bot die Ekphrasis von Philostrat allenfalls eine weitläufige Anregung für die Zeichnung.
Raphael umschreibt die Körper der Putten mit extrem flüssigen, an manchen Stellen verstärkten Federlinien, und verzichtet dabei weitgehend auf eine Binnenmodellierung. Allein durch die Variation des Konturs und das Aneinandersetzten unterschiedlich kurvierter Linien vermag der Künstler die jeweilige Bewegung des Körpers und die räumliche Lage der Gliedmaßen festzulegen. Die Linienführung läßt deutlich den Einfluß von Leonardos Zeichenstil verspüren, mit dem sich Raphael während seiner Florentiner Zeit vertraut gemacht hat.[1] So weist auch der Stil des Blattes auf eine Entstehung gegen Ende seines Aufenthaltes (1504-1508) in der Arnostadt hin (um 1508). Die bereits zu Knaben herangereiften Putten mit ihren weichen Körpern und dem biegsamen Fluß ihrer Bewegungen finden sich etwa in verschiedenen Entwürfen für eine Madonna lactans[2] in der Albertina sowie in den Gemälden Madonna Canigiani in München (Alte Pinakothek), Madonna del Baldachino in Florenz (Palazzo Pitti) und Großen Madonna Cowper in Washington (National Gallery of Art).
Die Zeichnung der Albertina ist am oberen Rand beschnitten, weshalb die Studien einzelner Körperteile in diesem Bereich zum Teil nur fragmentarisch erhalten sind. Sie beziehen sich nicht notwendigerweise auf die Komposition unterhalb. Auf der Rückseite (Inv. 246v) befindet sich eine Nachzeichnung von Raphaels Zeichnung Tod des Adonis im Ashmolean Museum in Oxford. Der Urheber dieser Kopie ist bislang unbekannt.
