Raffaello Santi, Studie zum Urteil Salomos (Studie für das Deckenfresko, Stanza della Segnatura…
Studie zum Urteil Salomos (Studie für das Deckenfresko, Stanza della Segnatura, Vatikan)
Raffaello Santi, Studie zum Urteil Salomos (Studie für das Deckenfresko, Stanza della Segnatura, Vatikan), Inv. Nr.: 189r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Studie zum Urteil Salomos (Studie für das Deckenfresko, Stanza della Segnatura, Vatikan)

Raffaello Santi

um 1509-1510




Künstler:in (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Dateum 1509-1510
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Braun, schwarze Kreide über Vorgriffelung
Dimensions28 x 29,8 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number189r
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text
In das zuvor von #Sodoma dekorierte Gewölbe der Stanza della Segnatura hat Raphael später vier rechteckige Szenen in den Ecken und an diese angrenzend vier Medaillons mit weiblichen Allegorien eingefügt. Diese Bilder nehmen auf die Thematik der großen Wandfresken der Stanza Bezug. Das "Urteil Salomos" in dem Deckenbild zwischen der "Schule von Athen" und der "Iustitia-Wand", an der zwei Gesetzgebungsszenen wiedergegeben sind, war eine weise Entscheidung, da sie zur Erkenntnis der wahren und der trügerischen Mutter geführt hat. Es war aber auch eine gerechte, und steht daher für "Philosophie" und für "Justiz".
In dem Entwurf für dieses Fresko hat Raphael in einer schwer entzifferbaren Kreideskizze in der Mitte zuerst die wahre, ihr Kind schützend an die Brust drückende Mutter angedeutet. Darüber zeichnete er den Henker mit verschiedenen zurückgenommenen Armbewegungen und schließlich auch in der Pose, die er dann links daneben ausgearbeitet hat. Die wahre Mutter und dieser Henker fanden in Raphaels "Bethlehemitischem Kindermord" Verwendung, den #Marcantonio Raimondi gestochen hat (Inv. DG1970/270). Wie O. Fischel beobachtete, trifft in dem Stich das Licht allerdings von links auf, während in unserer Zeichnung ebenso wie im Gewölbefresko die Figuren von rechts beleuchtet sind (vgl. Fischel 1913-1941, Bd. 5, Nr. 231-232; Fischel 1964, S. 77). Auf der rechten Seite sind die Umrisse des thronenden König Salomo, der mit dem Arm nach unten deutet, noch zu erahnen. Daraufhin zeichnete Raphael in Feder die trügerische Mutter und den Henker in kräftigen, dicht nebeneinander gesetzten Linien, die eine extrem plastische Wirkung erzeugen und die Formen mit analytischer Klarheit beschreiben. Die Modellierung der Körper mit dichten netzartigen Kreuzschraffuren ist vermutlich von der Technik #Michelangelos angeregt, wie diese etwa auch die Zeichnung mit dem "Stehenden männlichen Rückenakt" in der Albertina zeigt (vgl. Inv. 118r). Die Haltung des Henkers wurde von #Mantegnas "Herkules mit der Hydra" abgeleitet (AK Albertina 1983, Abb. S. 62), wobei Raphael die Bewegung stärker in die Fläche breitet. Er verleiht ihr zudem mehr Fluß und konzentriert die Spannung an den entscheidenden Stellen und lässt die Handlung dadurch äußerst nachdrücklich und entschlossen wirken. Auf einem rechts oben angesetzten Stück Papier ist dieselbe Figur in gedrehter und stärker nach unten geneigter Haltung studiert. Diese Version ließ sich vermutlich besser mit der auf dem Boden knienden trügerischen Mutter verbinden, deren Körper sehr raumhaft aufgefasst ist und geradezu mit den Augen umkreist werden will. Das "Urteil Salomos" ist eines der stilistisch reifsten von Raphaels Deckenbildern und entstand wohl um 1509/10, kurz vor dem Beginn des zweiten Wandfreskos der Stanza, der "Schule von Athen".

Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 21, S. 76.
Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 221
  • Stix 1932, 64
  • Birke/Kertész I
  • Bibliography
  • Weigl 6631
  • Braun 138 - Mariette 1741, S. 11, Nr. 118?
  • Bartsch 1794, S. 9, Nr. 28
  • Passavant 1860, Bd. 2, S. 431, Nr. 172
  • Waagen 1867, Bd. 2, S. 145, Nr. 180
  • Ruland 1876, S. 36, Nr. 13
  • Crowe/Cavalcaselle 1885, Bd. 2, S. 14ff., S.90f.
  • Morelli 1891/92, S. 573, Nr. 138
  • Wickhoff 1892, S. XXIII
  • Fischel 1898, S. 153, Nr. 381
  • P. Kristeller, Marcantons Beziehungen zu Raffael, in: Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen XXVIII, 1907, p. 224, Anm. 2
  • Fischel, Raphaels Zeichnungen, Bd. 5, 1924, Nr. 231-232
  • Stix 1932, S. 12, Nr. 64
  • AK London 1948, Nr. 27
  • Popham/Wilde 1949, S. 311, unter Nr. 793
  • Pouncey/Gere 1962, S. 18f., unter Nr. 21
  • Fischel 1964, S. 77
  • Forlani-Tempesti 1968, Fig. 85 – 86?
  • Pope-Hennessy 1970, S. 282, Anm. 58
  • Gere/Turner 1983, p. 148, Kommentar zu Nr. 122
  • AK Albertina 1983, Nr. 17 - 18
  • Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, S. 103ff., Nr. 338 - 339
  • Joannides 1983, Nr. 252
  • Cuzin 1983, 131
  • S. Massari et al., Raphael invenit, Rom 1985, p. 172, Kommentar zu VI.1
  • Ames-Lewis 1986, S. 5, fig. 1
  • Gere 1987, p. 90, Kommentar zu Nr. 19
  • AK New York 1987, S. 90, unter Nr. 19
  • L. Zentai, "Le Massacre des Innocents". Remarques sur les compositions de Raphael et de Raimondi, in: Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts 75, 1991, p. 32, Fig. 20
  • 1991, S. 32, fig. 20
  • Cordellier/Py 1992, S. 103, 159
  • Birke/Kertész, 1992, Bd. 1, S. 107f.
  • AK New York 1997, Nr. 15 (Text. A. Gnann)
  • AK Budapest 1998, S. 30 (unter Nr. 8)
  • Getscher 1999, S. 111, Anm. 11
  • AK London u.a.a.O. 1999 – 2001, S. 80, unter Nr. 20
  • Pon 2004, S. 122, fig. 71
  • AK Albertina/Venedig/Bilbao 2004-2005 (Text v. A. Gnann), Nr. 21
  • AK London 2004-2005, Nr. 87 (Text v. H. Chapman)
  • AK Haarlem 2012/2013, Kat. 12 (A. Gnann)
  • Raffael, Aust. Kat. Hg. Achim Gnann, Albertina Wien, 2017-2018, Kat.-Nr. 47.
  • Provenance
  • Timoteo Viti
  • Marchese Antaldi
  • Pierre Crozat
  • Marquis de Gouvernet
  • Julien de Parme
  • Prinz Charles de Ligne
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited04.05.2022