Studien eines erhobenen Armes mit Schultergelenk
Michelangelo Buonarroti
um 1504
Welch große Sorgfalt Michelangelo der anatomisch genauen Wiedergabe selbst einzelner Gliedmaßen der Figuren in der "Schlacht von Cascina" widmete, dokumentiert dieses Blatt mit verschiedenen Armstudien. Die drei senkrecht erhobenen und angewinkelten rechten Arme im unteren Bereich sind Entwürfe für den Soldaten am linken Rand der hinteren Reihe der "Badenden", der im Begriff ist, sich den Harnisch anzulegen. Im Louvre befinden sich eine frühe Skizze auf der Rückseite der Zeichnung mit dem "Knienden Mädchenakt im Profil" und eine ganzfigurige Federstudie zu diesem Soldaten (Tolnay, Corpus, Bd. 1, Nr. 42r). Die Entwürfe auf dem Albertina-Blatt schuf der Künstler gewiss erst im Anschluss an diese, denn die mittlere der drei Studien mit der zur Seite gedrehten Hand stimmt bereits nahezu mit der Ausführung überein. Es ist daher unverständlich, weshalb C. Tolnay in seinem Corpus den Zusammenhang mit der Schlachtendarstellung bezweifelt und die Zeichnung an das Ende des ersten römischen Aufenthaltes, um 1499/1500, datiert hat.
Wie im Fall der beiden im Zeichenstil identischen Aktfiguren in der Albertina (Inv. 123r, 123v) arbeitete der Künstler die einzelnen Muskeln mit der Feder detailliert heraus und versah sie mit Markierungslinien und Ziffern, die jeweils dieselben Partien betreffen. Vielleicht plante er, den Buchstaben eine Legende mit einer ausführlichen Beschreibung der Muskeln beizufügen. Studien dieser Art mag Michelangelo hinsichtlich einer wissenschaftlichen Darstellung über den Aufbau des menschlichen Körpers angefertigt haben, denn laut seinem Biografen #Ascanio Condivi beabsichtige er, ein Buch über Anatomie zu schreiben. Andere Armstudien auf dem Blatt nähern sich zwar weniger eindeutig Motiven auf dem Karton, dürften aber ebenfalls damit in Verbindung stehen. So ist die rechte obere Studie vielleicht im Hinblick auf den Soldaten am rechten Rand, der seinem Kameraden den Harnisch anlegt, entstanden. Der in Kreide skizzierte, vom unteren Blattrand überschnittene ausgestreckte Arm könnte für den Soldaten im linken Bereich geschaffen sein, der nachdrücklich in die Tiefe deutet. Wenig überzeugend ist die Annahme von F. Hartt, wonach die Kreideskizze am rechten unteren Rand, die zweifellos eine Variante der beiden angrenzenden Entwürfe ist, eine spätere Hinzufügung aus der Zeit der Ausmalung der Sixtinischen Kapelle sein soll. Ein Blick auf den Entwurf in der Albertina für den "Ignudo" (Inv. 120r) lässt fließendere Linien, eine größere Kraft und Geschmeidigkeit in der Bewegung gegenüber der Armstudie mit ihrem häufig absetzenden, kleinteiligeren Umriss erkennen. Die Hand mit ihren kurzen, dicklichen Fingern ähnelt zudem der des vorwärtsstürmenden Kriegers auf dem Wiener Blatt für die "Badenden", was ein weiterer Anhaltspunkt für die annähernd gleichzeitige Datierung ist.
Wie an der Vorzeichnung der linken unteren und der rechten oberen Studie zu sehen ist, hat der Künstler die Motive zunächst mit schwarzer Kreide grob umrissen und daraufhin einige von ihnen detaillierter mit der Feder herausgearbeitet, wobei er immer wieder kleinere Korrekturen vornahm. Aus diesen Gründen ist die von L. Dussler vertretene Annahme, es handle sich um eine Kopie, auszuschließen. Ebenso wenig ist der Auffassung von T. Pöpper zuzustimmen, der die Eigenhändigkeit des Blattes ablehnt, ohne Gründe hierfür anzugeben. Die differenzierte Modellierung mit geschwungenen parallelen Strichen und Kreuzlagen, die sich geschmeidig dem Verlauf der Muskeln anpassen und sich harmonisch untereinander verbinden, zeigt engste Parallelen unter anderem zu der Aktstudie im Louvre (Inv. Nr. RF 1068r), die Pöpper als Werk Michelangelos akzeptiert. Die Armstudien auf dem einige Jahre später entstandenen Wiener Blatt sind lediglich fülliger und gerundeter, was sich auf die stilistische Entwicklung des Künstlers zurückführen lässt. Vier dieser Motive gibt eine Kopie in Montpellier (Musée Fabre) wieder, auf der sich zudem Skizzen von einzelnen Figuren und Tieren finden, die möglicherweise ebenfalls auf Michelangelo zurückgehen (Dussler 1959, Abb. 274).
vgl. Achim Gnann, in: Albertina, Wien (Hg.), Michelangelo. Zeichnungen eines Genies (Kat. Ausst. Albertina, Wien 2010/2011), Ostfildern 2010, Nr. 23.
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