Raffaello Santi, Steinigung des heiligen Stephanus, Inv. Nr.: 211
Steinigung des heiligen Stephanus
Raffaello Santi, Steinigung des heiligen Stephanus, Inv. Nr.: 211
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Steinigung des heiligen Stephanus

Raffaello Santi

1514/1515




Künstler:in (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Date1514/1515
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Braun
Dimensions26,5 x 42,1 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number211
Markingsr.u. Pierre-Jean Mariette (Lugt 2097); l.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Die ältere Literatur hat sich bezüglich der Zuschreibung, der Datierung und des Verwendungszwecks dieser Zeichnung ganz unterschiedlich geäußert. An Raphaels Autorschaft wird heute nicht mehr gezweifelt. Bereits Passavant sah darin eine frühe Entwurfsskizze für den Teppichkarton der "Steinigung des heiligen Stephanus". Zuletzt hat Shearman eine Verbindung mit dem Teppich abgelehnt, da er u.a. die Zeichnung um 1510-1512 datiert. Die Komposition sei zudem nicht in der Richtung des Teppichs angelegt, wie in den anderen Entwürfen für die Kartons. Oberhuber (1972) widersprach dem mit dem Argument, dass von dem geringen erhaltenen Material keine festen Urteile über die Entwurfspraxis der Kartons abgegeben werden könnten. Eine frühe Datierung (siehe auch: Joannides 1983) ist nicht haltbar, vergleicht man die Zeichnung etwa mit dem "Bethlehemitischen Kindermord" von ca. 1509/10 (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 340-345), der ebenfalls um eine Mittelfigur als Aktionszentrum entwickelt ist. Die Bewegungen in der "Steinigung des heiligen Stephanus" sind wesentlich leichter und elastischer, zugleich organischer im Ablauf und feiner differenziert. Wie wunderbar ist die demütig betende Haltung des Stephanus, der im Himmel Gottes Trost und Rettung erschaut und sich zugleich vor dem todbringenden Steinwurf duckt. Wenngleich Raphael durch die umrissbetonte Zeichnung das Ineinandergleiten aller Bewegungen betont, so ist doch jeder Werfende fest am Boden verankert und agiert völlig aus eigenem Willen. Im "Kindermord" folgen alle Handlungen einer Dynamik, die sich von links nach rechts entwickelt. Raphael stellt in der "Steinigung des heiligen Stephanus" die Werfenden rechts einer Gruppe gegenüber, die sich noch passiv verhält und zu dessen Füßen wohl Saulus sitzt. Diese etwas unbestimmte Gruppe mochte Raphael vielleicht nicht ganz überzeugen. Im Teppich entschied er sich jedenfalls für eine asymmetrische Anlage. Auffällig dabei ist, dass der Vorgebeugte, der einen Stein aufsammelt, sowie Saulus und die drei Steinewerfer, die eine vergleichbare sukzessive Handlungsabfolge bilden, an seitenverkehrter Stelle im Teppich wiederkehren. Dies spricht eindeutig für die enge Verbindung zwischen Zeichnung und Teppich. Schließlich steht der Figurenstil Raphaels Entwürfen zur den Deckenbilder der Stanza di Eliodoro von 1514 nahe (Oberhuber 1972, Taf. 13 - 14, 62). Die Zeichnung zur "Steinigung des heiligen Stephanus" könnte aber auch um 1515 entstanden sein, da der Teppich wie der "Wunderbare Fischzug" zu den reiferen Schöpfungen der Serie zählt. Raphael hat sich später in seinem Entwurf für die "Steinigung des heiligen Stephanus" in S. Stefano in Genua wieder für den symmetrischen Aufbau entschieden. Für das Altarbild, das schließlich #Giulio Romano nach Raphaels Tod gemalt hat, wählte er selbstverständlich das Hochformat. Eine Kopie nach einem verlorenen Entwurf Raphaels zu diesem Bild zeigt (Ferino Pagden 1989, Abb. S. 75), dass die hier gezeigte Albertina-Zeichnung wesentliche Elemente dieser Komposition vorwegnimmt.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 9, S. 69.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 252
  • Stix 1932, R 76
  • Birke/Kertész I, 211
  • Bibliography
  • gest. von A. Bartsch
  • F. Bartsch 1818, Nr. 351
  • lith. von J. Pilizotti in Mansfeld, Lithographirte Copien XI.
  • Weigel 6822-6825
  • Braun 163 - Mariette, 1741, S. 10, Nr. 104
  • Basan?
  • Passavant, 1860, Bd. 2, S. 433, Nr. 179
  • Waagen, 1867, Bd. 2, S. 139, Nr. 188
  • Ruland, 1876, S. 247, Nr. 4
  • Crowe und Cavalcaselle, 1885, Bd. 2, S. 234f.
  • Morelli, 1891/92, S. 573, Nr. 163
  • Wickhoff, 1892, S. XXV, Nr. 252 (G. F. Penni)
  • Dollmayr, 1895, S. 261ff. Taf. XXVII (G.F. Penni)
  • Fischel, 1898, S. 104, Nr. 249 (G. F. Penni)
  • Stix und Fröhlich-Bum, 1932, S. 13, Nr. 76
  • Shearman und White, 1958, S. 315, Anm. 58 (Werkstatt)
  • Oberhuber, 1962, S. 29, Abb. 24
  • Dussler, 1966, S. 112
  • Oberhuber, 1972, S. 122f., 131-133, Nr. 446, Taf. 47
  • Shearman, 1972, S. 100f., Anm. 35
  • Wien, 1983, Nr. 40
  • Knab, Mitsch, Oberhuber, 1983, Nr. 516
  • Joannides, 1983, Kat. Nr. 261
  • Simonetti, 1983, S. 25, Fig. 9
  • New York, 1987, S. 212
  • Cordellier und Py, 1992, S. 275 unter Nr. 400
  • Birke und Kertész, 1992, Bd. 1, S. 122f.
  • Fritz, 1996, S. 28f., Abb. 17
  • Mantua und Wien, 1999, Nr. 9 (Text v. A. Gnann)
  • Joannides, 2000, S. 21f.
  • Haarlem 2012/2013
  • Kat. 36 (Text v. A. Gnann)
  • Rieger 2014, S. 321, Abb. 307.
  • Historical Attributions
  • traditionelle Zuschreibung, Morelli, Stix, Shearman, Oberhuber, Joannides
  • Penni, Giovanni Francesco (Dollmayr, Wickhoff, Fischel, Meder).
  • Provenance
  • Pierre Crozat
  • Pierre-Jean Mariette
  • Marquis Debrasse
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/23608/steinigung-des-heiligen-stephanusImage Request
    Last edited25.04.2023