Venus sucht Rat bei Juno und Ceres (Studie für das Zwickelfresko der Loggia di Psiche, Villa Fa…
Venus sucht Rat bei Juno und Ceres (Studie für das Zwickelfresko der Loggia di Psiche, Villa Farnesina, Rom)
Venus sucht Rat bei Juno und Ceres (Studie für das Zwickelfresko der Loggia di Psiche, Villa Farnesina, Rom), Inv. Nr.: 271
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Venus sucht Rat bei Juno und Ceres (Studie für das Zwickelfresko der Loggia di Psiche, Villa Farnesina, Rom)

Raffaello Santi

um 1517-1518




Zugeschrieben an (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Vormals zugeschrieben an (Rom 1499 - 1546 Mantua)
Dateum 1517-1518
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesRötel über Metallgriffelvorzeichnung
Dimensions24,6 x 19,3 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number271
Inscribedr.o. "22" (in Feder)
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text
Neben seiner Tätigkeit für den Papst und hochrangige Mitglieder des päpstlichen Hofes fand Raphael noch Zeit für Aufträge für private Personen, von denen der in Rom lebende überaus reiche Sieneser Bankier Agostino Chigi die bedeutendste ist. Er beschäftigte Künstler wie Peruzzi, Sebastiano del Piombo oder Sodoma, doch suchte er wann immer es ging, Werke von der Hand des einzigartigen Raphael zu erhalten. Von ihm ließ er seine Kapellen in S. Maria della Pace und S. Maria del Popolo ausschmücken, und von seiner Hand stammt auch das Fresko der Galathea in seiner Villa am Tiber, die später Farnesina benannt wurde. Im Zuge einer zweiten Dekorationsphase der Villa malten Raphael und seine Werkstatt das Gewölbe der Eingangsloggia mit Darstellungen von Amor und Psyche aus. Sie basieren auf der Erzählung Der Goldene Esel des antiken Dichters Apuleius, der die Prüfungen Psyches bis zur ihrer Hochzeit mit Amor und ihrer Erhebung in den Olymp schildert. Die Decke wurde am 1. Januar 1519 enthüllt, wenngleich Lünetten und Wände noch weitere Szenen schmücken sollten, zu deren Ausführung es jedoch nie gekommen ist. Auch andere Arbeiten für den Bankier hat Raphael nur teilweise vollendet oder wurden nach seinen Entwürfen von anderer Künstlerhand gemalt. Die Rötelzeichnung steht in Verbindung mit der Darstellung Venus sucht Rat bei Juno und Ceres in einem Gewölbezwickel der Loggia. Sie ist gewiß keine Kopie nach dem Fresko, wie man früher teilweise annahm, da die Gestalt Junos in der Griffelvorzeichnung noch als Akt angelegt ist und die Darstellung vom Format des Gewölbezwickels zu einem Rechteck erweitert wurde. Die Zeichnung diente als unmittelbare Vorlage für einen gleichsinnigen Kupferstich von Marco Dente da Ravenna, in dem die Figuren maßgleich übereinstimmen. Da der Stich am linken und oberen Rand etwas erweitert ist, dürfte die Zeichnung in diesem Bereich beschnitten sein. Raphael hatte einige Bilder aus der Psychelegende von Marcanton und Mitarbeitern seiner Werkstatt als Kupferstiche reproduzieren lassen, um sie weiten Kreisen bekannt zu machen. Das Fresko, in der sich Venus verärgert über die Liebe Amors zu ihrer Nebenbuhlerin Psyche an Juno und Ceres wendet, die ihrerseits den Zorn der Liebesgöttin zu besänftigen suchen, ist eine der schönsten im gesamten Zyklus und eigenhändig von Raphael gemalt. Die Figuren besitzen nun ein gänzlich antikes Körperideal, strahlen aber darüber hinaus eine Vitalität, Grazie und blühende Frische aus, die weit über die klassischen Vorbilder hinausgeht. Zudem erfüllt sie Raphael von innen heraus mit Leben und macht ihre Gefühle und Motivationen durch die individuelle Gestik und Mimik sichtbar. Ein wohl von Raphael stammender Entwurf für das Zwickelfresko befindet sich im Musée des Beaux-Arts in Lille (Paris, 1983 -1984, Nr. 111), in dem die Frauengestalten nach Aktmodellen studiert und schlanker wiedergegeben sind. Sie bewegen sich freier und gelöster im Raum als in der vorliegenden Zeichnung, bei der Schwächen auszumachen sind, die sich nicht allein durch den schlechten Erhaltungszustand und den Abrieb des Rötels erklären lassen. Die Figuren sind fein und mit größter Präzision, doch gleichförmig gezeichnet, sodaß etwa Handbewegungen keinen Nachdruck erhalten. Die Körper sind flächig aufgefaßt und aneinandergeschoben, sodaß die Luft nicht wie in Zeichnungen Raphaels frei um die Gliedmaßen zu zirkulieren vermag. Das Blatt stammt wohl von der Hand eines Schülers, der wohl von Raphael einen Modello für das Fresko erhalten hatte (Mantua und Wien, 1999, Nr. 72), um aus diesem die Vorlage für den Stich auszuarbeiten. Von diesem heute verlorenen, wohl ähnlich detailliert wie der Entwurf für Merkur und Psyche in München gezeichneten Modello übernahm der Schüler den Pfau zwischen Venus und Juno, setzte aber noch einen zweiten hinzu, um die freibleibende Fläche im rechten Bereich auszufüllen. Marco Dente verzichtete in seinem Stich auf diese unnötige Verdoppelung des Attributs der Juno, wobei er den Pfau sogar überzeugender wiedergab als auf der Vorzeichnung. Von ihm dürfte das Blatt nicht stammen, da die Figuren im Stich spröder und schematischer aufgefaßt sind. Außerdem ließ er die im Ausschnitt des gebauschten Stoffes sichtbare Kontur des rechten Beines von Venus weg, weil er offenbar dieses Detail nicht erkannt hat. Man hat als Autor der Rötelzeichnung wiederholt Giulio Romano vorgeschlagen. Auf dessen Studie zu Venus und Adonis (Inv. 17632) wirken die Konturen markanter und die Köpfe der Figuren flacher und scharfkantiger, wogegen die Formen auf dem vorliegenden Blatt überzeugend plastisch gerundet sind. Die Strichführung ist sorgfältig und eher bedächtig, während sie bei Giulio kraftvoller und expressiver ist. Auch die für Giulio typische flackernde Lichtführung ist nicht zu erkennen. Da der Zeichner aber so getreu wie möglich dem Modello des Meisters folgte, kommt seine Handschrift möglicherweise nicht deutlich heraus. Daher soll die Zuschreibung an dieser Stelle offen gelassen werden.
Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 328
  • Stix 1932, 83
  • Birke/Kertész I
  • Bibliography
  • gest. von M. Dente da Ravenna
  • Bartsch 1803-1821, Bd. XIV, p. 247, Nr. 327
  • A.K. Wien 1983, p. 188, Abb.
  • Braun 200 - Ruland, 1876, S. 282, Nr. 14
  • Morelli, 1891/92, S. 574, Nr. 200 (Kopie)
  • Wickhoff, 1892, S. XXX, Nr. 328 (Kopie)
  • Koopmann, 1895, S. XIII (nicht Raphael)
  • Fischel, 1898, S. 111, Nr. 269 (Kopie)
  • Stix und Fröhlich-Bum, 1932, S. 14, Nr. 83 (Giulio Romano)
  • Shearman, 1964, S. 86, Abb. 87, (Giulio Romano)
  • A.K. Dresden 1978, Nr. 13
  • Wien, 1983, S. 188f., Nr. 68
  • Joannides, 1983, unter Nr. 411
  • Paris, 1983- 1984, S. 301
  • R. Harpath, Raffaels Zeichnung 'Merkur und Psyche', in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 1985, 1, p. 419 (Kat. aller Studien zur Psyche-Loggia)
  • S. Massari et al., Raphael invenit, Rom 1985, p. 15, Anm. 46
  • Oberhuber, 1986, S. 190, 193, 200, Fig. 24 (Giulio Romano)
  • Cordellier und Py, 1992, S. 363 unter Nr. III
  • Birke und Kertész, 1992, Bd. 1, S. 160 (Giulio Romano)
  • Mantua und Wien, 1999, Nr. 78 (Raphael?
  • Text v. A. Gnann)
  • Haarlem 2012/2013, Kat. 43 (A. Gnann)
  • Die gedruckte Galeire. Grafik in der Universität, ausst. Kat. der Zentralen Kustodie der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg, Hgg. Dirk Schaal und Angelika Marinovic, Halle 2025, Kat. 1.1 (Text v. L. Hennicke)
  • Historical Attributions
  • Raffaello Santi (traditionell)
  • Raimondi, Marcantonio nach (Wickhoff)
  • Ravenna, Marco Dente da nach (Wickhoff)
  • Romano, Giulio (Stix, Shearman, Mitsch)
  • Raffaello Santi Werkstatt des (Harprath)
  • Zuschreibung von Gnann
  • Provenance
  • Sammlung Gottfried Winckler (1731–1795), Leipzig
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    Last edited22.12.2025