Arkadische Landschaft mit Hirten
Tiziano Vecellio, gen. Tizian
um 1530-1535
Die großartige Federzeichnung mit einer Landschaft, in der drei Hirten eine Schafherde durch das sanft nach vorne abfallende Terrain geleiten, während auf der linken Seite ein See mit Booten und eine Stadtsilhouette im Hintergrund sichtbar werden, hat in der Forschung unterschiedliche Beurteilung gefunden. Wenngleich sie eine Aufschrift am unteren Rand als ein Werk von Tizian ausweist und eine gleich große, gegenseitige Radierung von #Valentin Le Febre (1682) den Künstler ebenfalls als den Erfinder dieser Darstellung nennt, hat sie Franz Wickhoff (1891, S. XVI) als eine Wiederholung nach einem Blatt im Louvre abqualifiziert, das er für ein Werk #Domenico Campagnolas hält. Die Zeichnung im Louvre kann aber keinesfalls dem Blatt in der Albertina vorangehen, da sie, wie übrigens auch eine Kopie in Frankfurt (Städel), die Komposition vergröbernd und wesentlich schematischer wiedergibt (Chiari 1988, Abb. 138, 139). Auch später sind die Zweifel an der traditionellen Zuschreibung an Tizian nicht gänzlich verstummt. Ursache für die negative Bewertung ist wohl in erster Linie der Erhaltungszustand des Wiener Blattes. In den besser erhaltenen Partien ist aber deutlich zu erkennen, wie subtil und lebendig die Strichführung aus kurzen parallelen Linien, Kringeln oder Kurven ist. Sie verleihen den Naturformen einen großen malerischen Reichtum, indem sie die Dinge nicht allein umschreiben, sondern sich mit ihrer Form verbinden, mit ihnen emporwachsen und nahezu selbst zu einem naturhaften Element werden. Bei den Schafen etwa beschränkt sich der Meister nur auf kurze Kringel, die sowohl die wollige Fülle des Fells als auch die hoppelnde Bewegung der Tiere veranschaulichen. Keine der Reproduktionen vermag diesen Eindruck sowie die große raumhafte Wirkung der Landschaft wiederzugeben. Das warme Licht hüllt die gesamte Landschaft ins Atmosphärische, spiegelt sich auf der Wasseroberfläche, löst die Häuser und Berge im Dunst auf und bringt die Blätter zum Glänzen. Im Wechsel mit verschatteten Partien erhält die Belaubung Fülligkeit, und durch die Windungen der Äste, die in verschiedene Richtungen des Raumes greifen, werden verschiedene Raumebenen ebenso verbunden wie durch die ausgreifenden Bewegungen der drei schreitenden Hirten.
Die von Konrad Oberhuber vertretene Datierung der Zeichnung in die frühen 1530er-Jahre dürfte angesichts der Parallelen zu dem Holzschnitt "Anbetung der Hirten", der mit einem Bild Tizians von 1532/33 im Zusammenhang steht, und der etwa gleichzeitigen "Muttergottes mit Kind, dem Johannesknaben und der hl. Katharina" (National Gallery, London) zutreffend sein (Wethey1969-1975, Bd. 1, Tf. 35, 85).
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 56.
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