Groteske mit Schwerterherme
Joris Hoefnagel
1594/95, Ergänzungen um oder nach 1608
Die Groteskenfolge besteht insgesamt aus zehn in den Maßen, in der Technik und im Bildaufbau übereinstimmenden Blättern (Inv. 1519 - Inv. 1528). Ursprünglich wurde sie Giovanni da Udine zugeschrieben, doch bereits Wickhoff (1891) sah in dem Monogrammisten G. H. einen niederländischen Künstler. Die Folge ist offenbar von 1619 an komplett erhalten geblieben. Im Prager Inventar dieses Jahres wird sie, zusammen mit einer kalligrafischen Schrift und einer Kabinettminiatur, folgendermaßen beschrieben: »Ein schene minaturtaffel mit Orpheus von Jacob Hueffnagel; dabei sein 10 bleter von minatur gradisca, auch eine schöne schrift auf pergamen.« Falls die Groteskenblätter als Mappenwerk konzipiert waren, fehlt ein spezifisches Titelblatt. Die Annahme, dass es sich bei den Blättern um Entwürfe für Groteskentapisserien handelt (AK Stuttgart 1979 / 80, S. 94), scheint nicht zuzutreffen. Mehrfach vergrößert verlieren diese Blätter ihren Reiz.
Die Blätter entsprechen einander im Aufbau. Eine querformatige, von Rollwerk gerahmte Kartusche auf der unteren Blatthälfte wird mit einer hochformatigen, runden oder ovalen Kartusche auf der oberen Blatthälfte verbunden. Die Kartuschen heben sich in der Farbe von den übrigen gezeichneten Gegenständen ab. Farblich intensiv (malachit, spanischgrün, violett) und hell umrahmt, sind sie eingelassen in Fassungen, deren Farbton bunten Marmor imitiert, in Rollwerk oder in eine andere Fantasieumrahmung. In der Form schließen sie an die flämischen Grotesken der Brüder Cornelis und Jacob Floris und des Pieter Coecke van Aelst an. Hoefnagel verwendet traditionelle Motive der Groteskenmode seiner Zeit. Er füllt die grotesken Naturelemente jedoch mit einer Vitalität, die der direkten Naturbeobachtung und der indirekten Naturwiedergabe entstammt. Menschliche Gestalten nehmen einen nur geringen Platz ein.
Die Groteske mit Fledermaus (Inv. 1526) ist »GH« monogrammiert. Ernst Kris löste das Monogramm richtig auf, verwarf damit endgültig die bisherige Zuschreibung an Giovanni da Udine und schlug Joris Hoefnagel als Autor vor. Drei Blätter sind auf 1594 (Inv. 1525) und 1595 (Inv. 1526 und Inv. 1520) datiert. Im Jahr 1594 vollendete Hoefnagel ebenfalls die Illumination des Ersten Schriftmusterbuchs für Kaiser Rudolf II. Er zog wohl in diesem Jahr von Frankfurt nach Prag und Wien. Das Alphabet des Zweiten Schriftmusterbuchs wurde 1596 abgeschlossen. Die Verwandtschaft der Groteskenfolge mit der skurrilen, dekorativen Gestaltung des Alphabets ist am stärksten ausgeprägt. Einzelne Motive der Groteskenblätter finden sich bereits im Ersten Schriftmusterbuch. Auch die Komposition der Titelblätter der Archetypa studiaque patris Georgii Hoefnagelii, Frankfurt 1592, besonders von Teil 1, ähnelt der Gestaltungsweise der Groteskenserie.
Die Groteske mit Schwerterherme zeigt Anspielungen auf Krieg, Sieg und Frieden. Zwei Affen, sündhafte Geschöpfe, die an Äpfeln naschen, schauen zur Herme empor, die in jeder der hoch gestreckten Hände ein Schwert trägt, dem je ein Oliven- und ein Palmzweig beigebunden sind. Zwei mit Wimpeln geschmückte stilisierte Turnierlanzen mit sich windenden Schlangen verkünden ebenfalls Ruhm und Sieg. An ihnen sind Blumenvasen mit Frühlingsblumen aufgehängt. Über der oberen Kartusche, die auf einem Kissen auf dem Kopf der Herme ruht, ist ein geflügeltes Astrolabium als Ewigkeitssinnbild zu sehen.
Die Steine, die oben und unten in das Rollwerk der Kartuschen eingelassen sind und die Platten aus Halbedelstein imitieren, zeigen in Schwarz und Gold gezeichnete Szenen mit Amor-Figuren. Die Szenen stimmen mit Darstellungen in den Amorum Emblemata von Otto van Veen (Otho Vaenius) überein, die aber erst 1608 in Antwerpen erschienen. Es kann sich also nur um später ergänzte Kopien nach dem Emblembuch handeln. Im ursprünglichen Zustand wirkten die Kartuschen wie kostbar leuchtende, gefasste Steine, ohne jegliche Darstellung. Vielleicht waren sie für Sprüche – Adagia oder andere Sinnsprüche – gedacht, in zierlichen Goldbuchstaben geschrieben, wie sie in Textkartuschen von Hoefnagels Kodizes und Kabinettminiaturen vorkommen.
Den Inhalt jener Embleme, die aus den Amorum Emblemata kopiert sind, können wir folgenderweise ordnen und zusammenfassen: Gegen die Liebe kann nichts bestehen – ihre Kraft ist groß, sie beherrscht die Welt und macht vor keiner Grenze halt. Die Liebe ist schweigsam, rein, aufrichtig und fügt sich nach den Wünschen der Geliebten. Sie ist blind und verblendet, lässt sich von nichts abhalten, und weiß nicht Maß zu halten. Sie fordert Gegenliebe, die das eigene Feuer anfacht. Der Mensch liegt im Dienst der Liebe ständig im Kampf mit dem Widersacher der Liebe, dem Neid. Auch bei der Liebe sollte man die Goldene Mitte nicht verlieren (Aufzählung der Vaenius-Embleme und ihrer Entsprechungen auf den Groteskenblättern bei Wilberg Vignau- Schuurman 1970).
Anhand des Emblembuchs lassen sich auch einige inzwischen abgeriebene Szenen der kleinen Linienskizzen identifizieren. Auffallend ist, dass die Kopien größtenteils nach den Emblemen im ersten Teil der umfangreichen Amorum Emblamata gezeichnet wurden. Auch deshalb kann es sich nicht um vorbereitende Skizzen handeln, sondern nur um 1608 oder später gezeichnete Kopien nach dem Emblembuch. Thematisch passen die Amor-Szenen gut zum verspielten Groteskenrepertoire.
Aufschlussreich ist, dass die Mappe mit den zehn Grotesken im Inventar von 1619 als Bestandteil der Kunstkammer angeführt ist. Es ist deshalb naheliegend, Kaiser Rudolf II. als Auftraggeber der Folge anzunehmen. Im Werk selbst gibt es keine Hinweise auf eine bestimmte Person, wohl aber auf einen Herrscher (Inv. 1524: Ein Adler, der mit der Macht des Blitzes seine Feinde, nämlich Schlangen und Ungeziefer, abwehrt). Die halbmondförmige Fassung der Kartusche, auf der der Adler sitzt, ist als Anspielung auf die Türken aufzufassen, wie es in Hoefnagels Werk häufig der Fall ist. Obwohl die Farben stark verblasst sind, lassen sich an einigen Stellen die Farben Rot-Weiß- Rot der Casa d’Austria finden, so in Groteske mit Schwerterherme (rot-weiße Draperien und Wimpel an den Lanzen). Zu bedenken ist, dass die Blätter am Anfang des sogenannten »Langen Türkenkrieges« (ab 1593) entstanden.
Es ist außerdem bemerkenswert, dass die Mappe mit den »10 bleter von minatur gradisca« zusammen mit einer Orpheus- Miniatur von Jacob Hoefnagel, dem Sohn Joris’, aufbewahrt wurden. Es ist durchaus möglich, dass Jacob, der sich in den ersten Jahren seiner Beschäftigung für Rudolf II. mit dem gezeichneten Kopieren mehrerer Kunstwerke im Besitz des Kaisers befasste (siehe Inv. 60r), auch die Vaenius-Embleme nachträglich in die Blätter seines Vaters einfügte.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 72, S. 146-149.
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