Apostelkopf
Jacopo da Ponte, gen. Jacopo Bassano
um 1555-1560
Jacopo da Ponte ist das berühmteste Mitglied aus der Malerfamilie, die ihren Namen von ihrem Geburtsort, dem venezianischen Provinzstädtchen Bassano, übernommen hat. Jacopo wurde vor allem berühmt für seine Landschaften mit ländlichen Szenerien, die Hirten mit ihren Tierherden bevölkern. Diese pastoralen Tierstücke fußen häufig auf Einzelstudien nach Motiven des bäuerlichen Alltagslebens.
Das Wiener Pastell, auf dem in Venedig so beliebten blauen Papier, ist eine Studie für das Haupt eines Apostels im "Pfingstwunder" im Museo Civico in Bassano. Der Künstler hat den Kopf zunächst in schwarzer Kreide flüchtig umrissen und anschließend bei der Ausführung verschiedenfarbige Stifte verwendet, mit denen er die Partien zuerst überschraffiert und dann kräftigere Akzente gesetzt hat. Er löst die Einzelformen in Farbflecken auf, was der Malweise seiner Bilder sehr nahekommt. Dabei behält der Kopf seine plastische Substanz durch das Helldunkel, das zugleich den Eindruck einer leichten Drehbewegung vermittelt.
Jacopo Bassano scheint der Künstler gewesen zu sein, der die Pastell-Technik in die venezianische Zeichenkunst eingeführt hat. Er folgte damit einer Tradition, die in Italien erstmals bei #Leonardo und dessen Schülern und Nachfolgern Bedeutung erlangt hat, aber auch von #Parmigianino und angeblich auch von #Correggio verwendet wurde. Der Gebrauch farbiger Kreiden lässt sich auch in Umbrien und in Rom bei #Timoteo Viti und #Raphael nachweisen (vgl. McGrath 1998). Besonders gerne benutzte sie #Federico Barocci (vgl. Inv. 554, Inv. 556), der etwa zur gleichen Zeit wie Jacopo Bassano Zeichnungen in dieser Technik ausführte, aber wahrscheinlich nicht von diesem beeinflusst worden ist. In der Tat besteht ein merklicher Unterschied zwischen Baroccis großflächig schraffierendem und Bassanos spontanem und fleckigem Auftrag der Kreiden.
Jacopo Bassanos "Pfingstwunder" wird in der jüngeren Forschungsliteratur an das Ende der 1550er-Jahre datiert (vgl. Alessandro Ballarin 1973). Das Bild lässt sich stilistisch relativ gut mit dem "Johannes dem Täufer" im Museo Civico in Bassano vergleichen, das der Künstler 1558 gemalt hat (AK Bassano del Grappa/Fort Worth 1992/93, Nr. 29). Falls diese Entstehungszeit zutrifft, ist das Blatt der Albertina eines der frühesten, möglicherweise sogar das früheste erhaltene Pastell des Künstlers (vgl. Bickendorf 1998, S. 87). Die meisterhafte Handhabung der Kreiden lässt aber vermuten, dass der Künstler schon zuvor diese Technik angewendet hat.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 57.
