Leopard
Mario Merz
1981
Rahmenaußenmaß: 126,8 x 306,4 x 5,5 cm
Als Künstler aus dem Kreis der Arte povera ist Mario Merz für seine konzeptuelle und gleichzeitig sinnliche Annäherung an Mensch und Natur bekannt geworden. Seine Reflexion bewegt sich einerseits auf der Ebene des zahlenmäßigen Ausdrucks natürlicher Formgesetze. Andererseits bedient er sich metaphorischer Objekte, die als Kunstgeschöpfe an die Stelle von Dingen treten, die auf natürlichem Weg entstanden sind. So wie die Kunstschöpfungen von Mario Merz den Menschen nie ab- oder nachbilden, verkörpern sie umso mehr seine Gegenwart und den Ursprung menschlicher Hervorbringungen aus der Natur.
Neben der Geschichte der Formbefreiung in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts, ist der mathematische Ausdruck der bei Merz aus Iglu und Schneckenhaus gewonnenen Spiralform für das Verständnis dieser Annäherung nützlich. Mit diesen "Produkten" hat er seit den 60er-Jahren die ursprüngliche Einheit von Natur und Kultur verdinglicht. Sie werden insofern zu Neuschöpfungen, als sie wie Menschen- und Naturwerk zugleich erscheinen und in ihrem Aufbau der Progression der Zahlenreihe #Fibonaccis (1 + 2 = 3; 2 + 3 = 5; 3 + 5 = 8 etc.) ebenso folgen, wie dies zahlreiche Meister der Kunstgeschichte von #Leonardo bis #Oskar Schlemmer in ihren Artefakten getan haben.
In Leopard unterstützen die expressiven Mittel der Zeichnung die Erscheinung elementarer Naturkräfte: Gekurvte Linien umspielen ein Tierwesen, dessen einander widerstrebende Formenergien nach links schwebender, grellfarbiger Flecken und dicker, nach rechts ziehender schwarzer Umrisse einerseits locker zusammengehalten werden, die Gestalt aber dennoch vor Angespanntheit erbeben lassen.
Angesichts späterer Tierzeichnungen, in denen Merz eine Tierwirbelsäule mit Ziffern bezeichnet, könnte man im Wellenduktus der Rückenlinie des Leoparden ebenfalls die Progression nach einer besonderen Zahlenreihe vermuten. Der spontane Charakter der Umrisskurven macht dies allerdings nicht unbedingt sinnfällig. Merz hatte erst gegen Ende der 70er-Jahre gemalte Naturformen in sein Werk aufgenommen. Zusammen mit Tischen, Neonröhren, Glasstücken und Natursteinplatten, aus denen er seine Installationen komponierte, dienten sie an der Wand durch ihre plakative Eindringlichkeit der "Aufladung" des Raumes. Das eigentliche "Kunst- und Naturprodukt" war also der Raum. 1981, im Entstehungsjahr von "Leopard", zeigt Merz erstmals Bilder um ihrer selbst willen. Bei Ausstellungen in Paris und in Basel sind großformatige Darstellungen von Tieren, Menschen, Bäumen und Landschaften zu sehen. Wie ihre Vorläufer, die der Aufladung von Installationen dienten, teilen sie sowohl die Spontaneität und die Beweglichkeit der Umrisse und Binnenform wie auch ihren Signalcharakter mit den "Tier-Imagos" mancher prähistorischer Felsmalereien. Solche urtümlichen Gebilde könnten im Werk von Mario Merz nun eine ähnliche Rolle spielen wie seine berühmten Spiralen.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 259.
