Allegorische Frauenfigur
Paolo Caliari, gen. Veronese
1555-1565
In Veroneses Kunst verbindet sich naturalistische Beobachtung mit einem Streben nach Eleganz und Prachtentfaltung, die durch die subtil abgestuften hellen Farbtöne und die raffinierten Lichteffekte noch unterstrichen wird. So ist der dekorative Reichtum in seinen Bildern nicht rein äußerlich, sondern ganz durchdrungen von dem Verständnis des Künstlers für das Wesen und den Charakter des Menschen und die Schönheit der Natur.
Die Zeichnung der Albertina gehört zu der Gruppe der so genannten "Chiaroscuri", bei denen es sich um lavierte und mit Weiß gehöhte Federzeichnungen auf farbig präpariertem Papier handelt. Sie sind in der Regel bildmäßig vollendet und wurden schon von den Zeitgenossen Veroneses äußerst geschätzt. Diese Chiaroscuri dienten nicht als Modelli zur Begutachtung für die Auftraggeber von Gemälden, sondern waren eher Präsentationszeichnungen, wie sie auch von #Michelangelo und #Parmigianino bekannt sind. Die Künstler haben sie häufig als Sammlerstücke für Freunde und Kunstkenner geschaffen.
Das Blatt der Albertina ist stilistisch und thematisch eng mit einer Serie von Darstellungen weiblicher Allegorien verbunden (vgl. Huber 2005, S. 180 ff.). Auf der Rückseite eines dieser Blätter (Privatsammlung, Kalifornien) findet sich eine längere fragmentarische Beschreibung des Inhalts dieser Serie (vgl. Huber 2005, S. 181). Darin wird u. a. erläutert, wie das Glück zum Sieg auf dem Land und auf dem Meer beiträgt, der seinerseits Voraussetzung für die gute Herrschaft ist. Mit der Herrschaft stellt sich Reichtum ein, welcher zur Freiheit führt und unabdingbar für wohltätiges Verhalten ist. Das Thema der Wiener Zeichnung findet in diesem Bildprogramm keine Erwähnung, was die Zugehörigkeit aber nicht notwendigerweise ausschließt, da der Text unvollständig ist. Die Frauengestalt wird gewöhnlich als eine Allegorie des Sieges aufgefasst, doch fehlen spezifische Attribute, die eine solche Auslegung untermauern. Das Motiv der verschlungenen Hände ("dextrarum iunctio") auf dem Banner ist ein Symbol für "Concordia". Vielleicht soll die mit der rechten Hand zum Himmel zeigende Figur zum Ausdruck bringen, dass nach dem Sieg die Eintracht Voraussetzung für eine gute Herrschaft ist, deren Geschicke von der Vorhersehung göttlicher Macht bestimmt werden. Mit ihren kraftvollen Körperformen und der säulenhaften Statur scheint sie nachdrücklich an die Befolgung eines derartigen sittlich-moralischen Verhaltens zu appellieren. Man hat insbesondere auf die engen Bezüge der Zeichnung zu den Fresken in Maser aufmerksam gemacht, in denen die Allegorie des Glaubens in einem der Deckenbilder mit einer ähnlichen Geste zum Himmel deutet. Eine Datierung zwischen den späten 1550er- und den frühen 1560er-Jahren wird auch durch den Vergleich mit Bildern aus dieser Zeit bestätigt, in denen monumentale Einzelfiguren in ähnlicher Weise den sie umgebenden Raum dominieren (vgl. Pignatti/Pedrocco 1991, Nr. 30, 40, S. 134 f.).
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 59.
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