Raffaello Santi, Aktstudien zur Apostelgruppe im hinteren Zentrum der "Transifiguration", Inv. …
Aktstudien zur Apostelgruppe im hinteren Zentrum der "Transifiguration"
Raffaello Santi, Aktstudien zur Apostelgruppe im hinteren Zentrum der "Transifiguration", Inv. Nr.: 4880
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Aktstudien zur Apostelgruppe im hinteren Zentrum der "Transifiguration"

Raffaello Santi

1518-1520




Künstler:in (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Date1518-1520
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesRötel über Spuren einer Vorzeichnung in schwarzem Stift; links mehrere senkrechte Linien, wahrscheinlich durch Falten entstanden
Dimensions32,3 x 27,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number4880
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text
Die Zeichnung von ca. 1518-1520 steht in Zusammenhang mit drei Aposteln in der unteren Hälfte der Transfiguration, in der Raphael die Heilung des Besessenen dargestellt hat. Es ist jene Dreiergruppe im Hintergrund, die auf die krampfartigen Bewegungen des kranken Knaben rechts im Bild mit Bestürzung, Staunen und Skepsis, also spontan und mit großer menschlicher Anteilnahme reagiert. Die Figuren sind vermutlich nach ein und demselben Aktmodell studiert, wie P. Joannides beobachtet hat. Raphael hat auch die anderen Gruppen des Bildes in Rötel und schwarzer Kreide anhand von Aktmodellen sorgfältig vorbereitet, wie die erhaltenen  Zeichnungen in Paris, Chatsworth, Paris und Mailand unter Beweis stellen (Knab, Mitsch, Oberhuber, 1983, Nr. 605-607). Ferner befindet sich in der Albertina eine großformatige Federzeichnung, welche die Komposition des gesamten Gemäldes in Akten wiedergibt. Sie basiert auf verschiedenen Einzelstudien des Meisters, die ein Schüler zusammengesetzt hat oder gibt einen verlorenen Gesamtentwurf mit Aktfiguren wieder. Die hier besprochene Rötelzeichnung unterscheidet sich von den anderen Studien für das Bild durch den feinen und hellen Strich und den zarten, sich an verschiedenen Stellen auflösenden Kontur, was in der Forschung Anlaß zu Zweifeln an der  Eigenhändigkeit geführt hat. Während noch Passavant oder Waagen die hohe Qualität des Blattes hervorhoben, dachten kurz darauf G. Morelli, F. Wickhoff oder O. Fischel bereits an ein Werk von Penni. Später wurde die Zeichnung allgemein als ein Werk Giulios klassifiziert. Diese Ansicht findet bist heute ihre Vertreter, wenngleich sich 1983 K. Oberhuber wieder für die traditionelle, noch von Stix und Fröhlich-Bum 1932 vertretene Zuschreibung an Raphael eingesetzt hat. Bei Studien Raphaels für ein Gemälde sind häufig Unterschiede in der Ausführung festzustellen, selbst wenn er das gleiche Zeichenmaterial verwendet. Hierbei spielt eine wesentliche Rolle, aus welchem Entwurfsstadium eine Zeichnung stammt, welcher spezifische Aspekt mit ihr geklärt werden soll und welche Funktion eine Figur oder Gruppe im Handlungsgeschehen einnimmt. Bei dem vorliegenden Blatt trägt der Künstler bewußt der Position der Apostel im Hintergrund Rechnung und schafft durch die Verkürzungen der Gliedmaßen auf der rechten Seite und das volle, von links einströmende Licht eine starke Tiefenwirkung. Die Stelle für den sich vorbeugenden Apostel, der im Bild den Sitzenden überschneiden wird, ist ausgespart. Raphael hat diesen zusammen mit dem benachbarten Apostel auf dem Blatt im Louvre studiert. Diese beiden Figuren sind kraftvoller und kontrastreicher modelliert, da sie von der Seite gesehen und stark verkürzt sind und sich wirksam von der in Frontalansicht gezeigten Dreiergruppe auf dem vorliegenden Blatt abheben müssen. Die Linienführung ist auf beiden Zeichnungen höchst ähnlich und beschränkt sich auf ein System regelmäßig gezogener Schrägschraffuren, die im Abstand und im Aufdruck variieren und sich bisweilen leicht überlagern. Die Subtilität der Durchführung findet keine Parallele zu Zeichnungen des jungen Giulio (vgl. Inv. 17632), der seine Figuren stärker aneinanderdrängt und in die Fläche preßt. Auf der Wiener Rötelzeichnung ging es Raphael zuallererst um die Festlegung der einzelnen Posen in ihrem räumlichen Verhältnis zueinander. So klärt er die schwierige räumliche Lage der Hände des sitzenden Apostels und verdeutlicht die Position des neben ihm Stehenden durch das kontrastreiche Helldunkel an dem hochgestellten Bein. Er kann nun auf die detaillierte Beschreibung der Formen verzichten, und so genügt eine Verstärkung des Konturs, um dem vorgestellten Bein Plastizität zu geben, und eine geschwungene Linie an der Schulter, um die leichte Drehung des Oberkörpers zu erfassen. Die Bewegungen sind zwar spontan, doch fehlt ihnen noch die Bestimmtheit und Emotionalität im Ausdruck. Die Figur rechts hat ihren Arm lediglich in einem Zeigegestus ausgestreckt, wohingegen der entsprechende Apostel im Gemälde mit großer innerer Anteilnahme auf das Ereignis reagiert. In dieser Hinsicht nähert sich die entsprechende Gruppe auf der Wiener Federzeichnung bereits stärker dem Bild an, zumal sich auch der leonardeske Kopf des hinteren Apostels nur wenig von der Ausführung unterscheidet. Es ist somit anzunehmen, daß die Gruppe auf der Federzeichnung nicht auf dem Rötelblatt der Albertina, sondern auf einer späteren Aktstudie Raphaels basiert, die nicht mehr erhalten ist.

Die Zeichnung galt noch für Passavant (1860), Waagen (1867) und Crowe und Cavalcaselle (1891) als Raphael, dem sich auch noch Stix und Fröhlich-Bum im Albertinakatalog von 1932 anschlossen. Freilich hatte schon Morelli (1891/92) Zweifel geäußert und das Blatt mit #Giovanni Francesco Penni in Verbindung gebracht. Hartt (1958) und fast ausnahmslos die gesamte spätere Literatur gaben die Zeichnung #Giulio Romano. 1983 trat Oberhuber wieder für die traditionelle Zuschreibung an Raphael ein (AK Albertina 1983, S. 9).
Die Zeichnung ist eine Modellstudie von ca. 1518-1520 zu den drei Aposteln in der hinteren Bildmitte der "Transfiguration", zu jener Gruppe, die auf die ekstatischen Bewegungen des Besessenen, den wir uns rechts zu ergänzen haben, mit Abwehr, Zweifel, und Hingabe, also spontan und mit großer menschlicher Anteilnahme reagiert. Die Stelle für den sich vorbeugenden Apostel, der im Bild den Sitzenden überschneiden wird, ist ausgespart, aber durch eine Linie am Kopf angedeutet. Raphael hat auch die anderen Gruppen der "Transfiguration" anhand von Aktmodellen studiert. In Wien befindet sich eine Kopie nach einer Zeichnung, die die gesamte Komposition des Bildes in Akten darstellt (AK Albertina 1983, S. 200-203, Nr. 74). Einzelstudien von Raphael hierfür in Rötel und schwarzer Kreide haben sich in Chatsworth, im Louvre und in der Ambrosiana in Mailand erhalten (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 605-607). Diese unterscheiden sich durch eine kontrastreichere Modellierung von dem sehr feinen und hellen Strich des Albertina-Blattes. Raphael trägt hierbei bewusst der Position der Apostel im Hintergrund Rechnung und schafft durch die Verkürzungen rechts und das volle, von links einströmende Licht eine ungeheure Tiefenwirkung. Wir können uns vorstellen, wie einzelne Bahnen von vorne den gesamten Bildraum durchdringen, um hier weiterzuströmen, zuerst über das ausgestreckte Bein, dann weiter über die Körper der Apostel. Raphael beschränkt sich dabei auf ein einziges System paralleler Schraffen, das aber reich an Abstufungen ist. So ist die schwierige räumliche Lage der beiden Hände völlig geklärt, und durch das starke Helldunkel an dem hochgestellten Bein wird das Verhältnis der beiden Apostel zueinander deutlich. Raphael kann nun auch ganz auf die Beschreibung der Formen verzichten, und so genügt eine Verstärkung des Konturs, um dem vorderen Bein Rundung und Fülle zu geben, es genügt eine geschwungene Linie an der Schulter, um die leichte Drehung des Oberkörpers zu erfassen. Gleichzeitig wirkt jede Bewegung spontan und in Einklang mit dem inneren Empfinden. Körper und Hände bringen das Zurückweichen und Abwehren des mittleren Apostels zum Ausdruck, und in dem verspannten Rücken des hinteren klingt schon das Skeptische an, das Raphael später im Gemälde dem ausdrucksstarken Kopf mit den leonardesken Zügen geben wird. Man hat sich daran gestört, dass die Köpfe unvollständig gezeichnet sind. Dies hätte sie aber wohl zu sehr voneinander abgehoben, und nur so haben sie Teil an dem Licht, das sie untereinander und mit dem Umraum verbindet.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 95, S. 156.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 222
  • Stix 1932, 78
  • Birke/Kertész III, 4880
  • Bibliography
  • lith. von F. Eybl in Mansfeld, Lithogrphierte Copien XII. - Passavant, 1860, Bd. 2, S. 432, Nr. 174
  • Waagen, 1867, S. 143, Nr. 182
  • Ruland, 1876, VIII, S. 28, Nr. 65
  • Crowe - Cavalcaselle, 1885, Bd. 2, S. 393f.
  • Morelli, 1891/92, S. 573, Nr. 139 (nicht Raffael, könnte Penni sein)
  • Wickhoff, 1892, S. XXIII (G. F. Penni)
  • Dollmayr, 1895, S. 342
  • Koopmann, 1895, S. XII, XIV (Raphael?)
  • Fischel, 1898, Nr. 338 (G. F. Penni)
  • Stix und Fröhlich-Bum, 1932, S. 14 (Raphael)
  • Hartt, 1958, Bd. 1, S. 288, Nr. 29, Bd. 2, Fig. 54 (Giulio Romano)
  • Oberhuber, 1962 (1), S. 135f., Abb. 12 (Giulio Romano)
  • Dussler, 1966, S. 68 (Giulio Romano)
  • Oberhuber, 1972, S. 36 (Giulio Romano)
  • Siblik, 1974, Abb. 58 (Raphael)
  • Oberhuber, 1983 (1), S. 57ff., Abb. 25 (Giulio Romano)
  • Wien, 1983, S. 9, S. 198f., Nr. 73
  • Knab, Mitsch, Oberhuber, 1983, Nr. 609 (Giulio Romano)
  • Joannides, 1983, Nr. 428 (wahrscheinlich Giulio Romano)
  • Harprath, 1987, S. 398 (Giulio Romano)
  • Ferino Pagden, 1989 - 1990, Abb. II/47
  • Wien, 1992, S. 150
  • Birke und Kertész, 1995, Bd. 3, S. 1690f.
  • Fritz, 1996, S. 27, Abb. 16 (Giulio Romano)
  • Berlin, 1998, S. 38f., Nr. 9 (Text A. Gnann)
  • Mantua und Wien, 1999, Nr. 172 (Text v. A. Gnann)
  • Joannides, 2000, S. 10 (nicht von Raphael)
  • Venedig, Wien und Bilbao, 2004-2005, Nr. 46 (Text v. A. Gnann)
  • Bernhart-Königstein, 2007, S. 156, Abb. 109
  • Haarlem 2012/2013, Kat. 58 (Text v. A. Gnann)
  • AK Raphaël. Les dernières années, Tom Henry und Paul Joannides, Madrid, Museo Nacional del Prado und Paris, Musée du Louvre, 2012 - 2013, Fig. 82 (Giulio Romano). Raffael, Aust. Kat. Hg. Achim Gnann, Albertina Wien, 2017-2018, Kat.-Nr. 141
  • Achim Gnann,“I disegni preparatori per la Trasfigurazione di Raffaello”, in: Raffaello in Vaticano. Atti del Convegno per il V centenario della morte, A cura di Barbara Jatta und Vittoria Cimino, Edizioni Musei Vaticani 2023, S. 39-49, S. 43, fig. 6.
  • Provenance
  • Timoteo Viti
  • Marchese Antaldi
  • Pierre Crozat
  • Julien de Parme
  • Marquis de Gouvernet
  • Prinz Charles de Ligne
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    zum verwandten Werk

    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/25148/aktstudien-zur-apostelgruppe-im-hinteren-zentrum-der-transiImage Request
    Last edited12.02.2026