Kopf des Christuskindes
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1526-1527
In der spätesten Planungsphase für das Londoner Altarbild der "Vision des heiligen Hieronymus" (London, National Gallery) sind jene Detailentwürfe entstanden, in denen Parmigianino den organischen Verlauf der Bewegungen, die Lichtführung und die Gestaltung der Gewänder der einzelnen Figuren genau studierte. Zum Kopf des Christuskindes hat sich die schöne Studie in der Albertina erhalten, die in schwarzer Kreide und Rötel in zwei verschiedenen Tönen ausgeführt ist. Durch die lockere, Details nur flüchtig andeutende Strichführung mit den sich überlagernden, verschiedenfarbigen Schraffuren erhält das Gesicht eine außerordentlich natürliche und spontane Wirkung. Die weichen gerundeten Formen von Stirn und Wangen, die runde Stupsnase und die zart geschwungenen Lippen verleihen ihm einen Liebreiz, den Parmigianino im Bild wieder abgeschwächt hat. Während dort Christus den Betrachter direkt und fast übermütig anschaut, dreht er in der Zeichnung seinen Kopf mit in sich gekehrtem träumerischem Blick weiter zur linken Seite. Parmigianino hat diese geringfügigen aber entscheidenden Veränderungen vermutlich erst beim Malen an der Staffelei vorgenommen. Das Blatt zeigt keine Spuren einer Übertragung mittels Durchgriffelung oder Durchstechen der Umrisslinien, und somit ist es kein Fragment eines Kartons. K. Oberhuber (AK Albertina 1963, Nr. 17) vermutete, dass seine Funktion der von #Raphaels Hilfskartons entsprach. Bei diesen übertrug der Künstler unmittelbar vor der Ausführung vom Karton wichtige Details auf andere Blätter, die Hilfskartons, um sich den Ausdruck, die Charakterzüge und die Lichtführung nochmals zu verdeutlichen.
Für Kopf- und Porträtstudien hat Parmigianino offensichtlich gerne die reizvolle Kombination verschiedenfarbiger Natur- und Pastellkreiden verwendet, wie etwa bei seinem Jünglingskopf in Pastellkreide aus der Bologneser Zeit in der École des Beaux-Arts (Popham 1971, Nr. 527 recto, Taf. 295) oder bei der im Inventar (1590) des Lelio Boscoli aus Parma erwähnten " ... testa di pastello, di mano del Parmegianino, con cornice e con un vetro, una berretta in capo, vestito aperto davanti, mostra la camisia" (Campori 1870, S. 384), die nicht mehr erhalten ist.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 62, S. 162.
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