Hl. Andreas
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1528-1529
Parmigianino hat sich besonders in seiner römischen und bolognesischen Periode mit Darstellungen von Christus und den zwölf Aposteln befasst. Das Albertina-Blatt mit dem heiligen Andreas, der sich an das schwere Kreuz lehnt und die zwei Balkenenden mit den Händen umgreift, diente dem berühmten venezianischen Kunstsammler Graf Antonio Maria Zanetti (1679-1767) als Vorbild für seinen gegenseitigen Clair-obscur-Holzschnitt (Bartsch 1803-1821, Bd. 12, S. 165, Nr. 11). Für diese etwas schmälere und zu einem Hochrechteck gestreckte Reproduktion fertigte er als Vorlage eine heute in Berlin befindliche Kopie nach Parmigianinos Blatt an, das sich wahrscheinlich in seinem Besitz befand (Kupferstichkabinett, Inv. Nr. 21318; Zuschreibung auf dem Passepartout v. K. Oberhuber). Zanetti hatte aus der bedeutenden Sammlung des Grafen Arundel (1585-1646) 130 Zeichnungen des Künstlers erstanden und von vielen Farbholzschnitte angefertigt und damit eine im 18. Jahrhundert nahezu vergessene Technik wiederbelebt.
Eine unmittelbar dem "Heiligen Andreas" verwandte Skizze befindet sich in den Uffizien (Popham 1971, Nr. 111, Taf. 169), in der die Figur in ähnlicher Pose in zwei Variationen studiert ist. Eine weitere, heute verlorene Zeichnung überliefern ein anderer Clair-obscur-Holzschnitt von Zanetti (Bartsch 1803-1821, Bd. 12, S. 165, Nr. 11) sowie eine Kopie im British Museum und eine Aquatinta von #Francesco Rosaspina (vgl. Popham 1971, O.C., Taf. 15). A. E. Popham (1971, S. 16) hat zudem eine Gruppe weiterer durch Reproduktionen überlieferte Studien zusammengetragen, die das Interesse des Künstlers an der Wiedergabe dieses Heiligen und dessen kompliziertes Verhältnis zu dem Kreuz dokumentieren.
Gegenüber den Zeichnungen aus der römischen Periode wie der "Madonna mit Kind" für die "Hieronymusvision" (Inv. 2629), bei der durch die Bewegung und das Helldunkel die Beziehung der Figuren zum Umraum anschaulich werden soll, breitet sich der Apostel stärker in die Fläche und setzt sich mit seinem hellen Körper reliefartig von dem dunkeln Mantel und dem Hintergrund ab. Eine aufwärtsstrebende Dynamik dominiert die Haltung, die u.a. mit der des "Heiligen Sebastian" in einem Bildentwurf in den Uffizien vergleichbar ist, den Parmigianino vermutlich gleichzeitig mit den Projekten für den "Heiligen Rochus" in San Petronio 1527/28 zu Beginn seines Aufenthaltes in Bologna geschaffen hat. Die Flächengebundenheit und die Spontaneität der sich emporreckenden Bewegung erinnern noch stärker an die Entwürfe für die Darstellung "Venus nimmt Amor den Bogen weg", die der Künstler ebenfalls in Bologna gezeichnet haben dürfte (vgl. besonders Popham 1971, Nr. 30, Taf. 276), wodurch eine Datierung des Wiener "Andreas" um 1527-1529 naheliegt. In dieser Zeit verwendete Parmigianino offensichtlich gerne für seine lavierten und mit Weiß gehöhten Federzeichnungen geröteltes Papier wie dies auch die Studie für die "Madonna mit Kind" im Courtauld Institute belegt (Inv. 2630). Vermutlich schuf Parmigianino den Heiligen in Zusammenhang mit einer Apostelfolge, von denen er im Laufe der Jahre verschiedene Serien geschaffen zu haben scheint, die zum Teil durch originale Entwürfe, Kopien und grafische Reproduktionen überliefert sind.
Die wohl früheste Serie kennt man durch Radierungen des #Meister F. P. (Bartsch 1803-1821, Bd. 16, S. 19 ff., Nr. 1-13) und durch Farbholzschnitte von #Antonio da Trento (Bartsch 1803-1821, Bd. 12, S. 69 ff., Nr. 1-12). Die teilweise erhaltenen Entwürfe hierzu im Louvre und in den Uffizien (Popham 1971, Taf. 167, 168, Nr. 96, Taf. 169 und Ekserdjian 1999, Nr. 45, Abb. 60) sind unmittelbar mit den Studien für die "Grablegung Christi", das "Martyrium der Heiligen Petrus und Paulus" und mit dem Entwurf in den Uffizien (Popham 1971, Taf. 135-140, Taf. 158-166 sowie Nr. 101, Taf. 256) für #Ugo da Carpis 1525 geschaffenes Ölbild mit der "Heiligen Veronika zwischen den Heiligen Petrus und Paulus" für den Altar des Volto Santo in Alt-Sankt Peter verbunden. Zumindest für diese Serie ist daher eine römische Entstehungszeit anzunehmen. Von dieser plante Parmigianino wohl Radierungen anzufertigen, schuf aber aus unbekanntem Grund nur zwei Blätter nach den Heiligen "Jakobus Maior" und "Philippus" (Bartsch 1803-1821, Bd. 16, S. 11, Nr. 8-9) und ließ dann noch in Rom oder bereits in Bologna die ganze Reihe vom Meister F. P. und Antonio unabhängig voneinander reproduzieren. Eine andere vollständige Serie ist durch Farbholzschnitte von Zanetti bekannt (Popham 1971, Taf. 172-174), zu denen sich keinerlei Entwürfe erhalten haben, so dass deren zeitliche Bestimmung kaum möglich ist. Zanetti hat darüber hinaus eine weitere unvollständige Folge reproduziert (Popham 1971, Taf. 171), von denen einer der Apostel (Bartsch 1803-1821, Bd. 12, S. 166, Nr. 12) auch vom Meister F. P. radiert wurde. Die erhaltenen Entwürfe hieraus für die Heiligen "Jakobus Maior" und "Johannes Evangelista" (Popham 1971, Nr. 520 Verso, Taf. 278; Béguin/Di Giampaolo/Vaccaro 2000, Nr. 152) dürften aus der Bologneser Zeit stammen, ebenso wie die Idee zu dem kompositionell dem Wiener Blatt ähnelnden "Heiligen Andreas" (Bartsch 1803-1821, Bd. 12, S. 164, Nr. 8), zu dem sich keine Vorzeichnung erhalten hat.
Diese Folgen sollten vermutlich Künstlern als Vorlagen dienen oder Kunstliebhaber ansprechen, wie dies bei der von #Marco Dente und #Marcantonio Raimondi gestochenen Apostelserie nach Entwürfen #Raphaels der Fall war (Bartsch 1803-1821, Bd. 14, S. 74 ff, Nr. 64-91). Parmigianino knüpfte an diese Tradition an und schuf ein neues graziöses und elegantes Apostelideal, das dem modernen Stilempfinden der zwanziger Jahre in besonderem Maße entsprach.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 73, S. 182.
