Sieben Handstudien und Skizze eines Kopfes
Raffaellino del Garbo
um 1500-1510
Wie an dem Rest einer goldfarbenen Rahmung am oberen Rand ersichtlich wird, hatten sich die Handstudien einstmals im Besitz von #Giorgio Vasari befunden. In seinem berühmten "Libro dei disegni" bewahrte er mehrere Blätter von Raffaellino del Garbo auf, über die er bewundernd schrieb: "In seiner Jugend zeichnete er so viel, wie ein Maler, der durch Übung im Zeichnen willkommen zu werden versteht. Deshalb sieht man auch heute eine große Menge von Zeichnungen aller Art, die später von einem seiner Söhne sehr billig verkauft wurden. Diese Zeichnungen sind teils in Kreide, teils mit der Feder und teils in Aquarell auf buntem Papier ausgeführt und mit Weiß aufgehöht. Sie zeugen von bewundernswerter Kühnheit und Talent, wie man an vielen von sehr schöner Manier in meiner Sammlung bemerken kann." (Vasari, dt. Übers. v. E. Gaeschke, Bd. 2, Straßburg 1904, S. 170 f.)
Erstaunlicherweise hielt er die Zeichnung aber nicht für eine Werk Raffaellino del Garbos, da er sie wie zwei Blätter des Künstlers mit Handstudien im British Museum, auf der die Einrahmung noch gänzlich erhalten ist, #Fra Filippo Lippi zuschrieb (Popham/Pouncey 1950, Nr. 61-62, Taf. LXIV). Vermutlich war es auch Vasari, der die Zeichnung aus drei Fragmenten zusammengesetzt hat, ohne die ursprüngliche Orientierung zu beachten. Die beiden oberen Fragmente zeigen bei einer Drehung der Zeichnung ins Querformat zwei Studien eines rechten, an die Brust gelegten Armes. Auf der linken Seite ist es der Arm eines männlichen Aktes, dessen Oberkörper ebenfalls angedeutet ist, auf der rechten Seite der einer bekleideten Figur. Da die Umrisslinie des Aktes im Bereich der Schulter auf der angrenzenden Studie - allerdings versetzt - weitergeführt ist, könnten beide Fragmente ursprünglich zu ein- und demselben Blatt gehört haben. C. C. Bambach wies darauf hin, dass die beiden Handgesten bei dem Engel auf der linken Seite der Raffaellino del Garbo zugeschriebenen thronenden "Madonna mit den Heiligen Bartholomäus, Nikolaus und zwei Stiftern" in Santo Spirito in Florenz wiederkehrt (Berenson 1963, Bd. 2, Abb. 1155). Die seitlich aufgestützte Hand mit gespreizten Fingern in der mittleren Reihe links erinnert an die rechte Hand des Engels mit Kerze und Rauchgefäß in der 1501 datierten "Messe des heiligen Gregor", die sich ehemals in derselben Kirche befand (heute: John and Mable Ringling Museum of Art, Sarasota; Gamba 1907, Abb. S. 104). Die Hand daneben greift wohl nicht an eine Brust, sondern hält wie die Muttergottes in #Botticellis "Madonna mit Kind und Engeln" oder der "Madonna del Magnificat" (Florenz, Uffizien) einen Apfel, den in diesen Bildern zugleich das Christuskind berührt (Ligthbown 1978, Bd. 1, Abb. 20, 34). Wie B. Berenson (1961, Nr. 771) nachwies, hat Raffaellino im unteren Bereich des Blattes die beiden Hände der Muttergottes und die Finger der rechten Hand der Christuskindes seiner "Muttergottes mit Kind und dem Johannesknaben" in Dresden (Gemäldegalerie) im Detail studiert (AK New York 1997/98, Abb. 58). Bei der Strichführung fällt die Feinheit und Präzision ins Auge mit der Raffaellino durch leichte Veränderungen der Glanzlichter, der Umrisslinien und der auf den Stoffen liegenden Schatten die Beweglichkeit der einzelnen Finger festlegt und deren Lage voneinander unterscheidet. Bei den Studien am unteren Blattrand gehen Schraffuren mit dem Metallstift nahtlos in die Strichlagen der Weißhöhung über und lassen die Hände weich und fleischig wirken, während etwa bei dem mittleren rechten Entwurf die Finger sehniger sind und deren Gelenkigkeit hervorgehoben wird. Doch alle Handstudien eint der feine Glanz, den das Licht auf der Oberfläche erzeugt und dadurch die zarte und graziöse Wirkung hervorhebt. So fasziniert an dem Blatt weniger der Verwendungszweck der einzelnen Studien, sondern die Schönheit der Motive und ihre vom Künstler inszenierte reizvolle Zusammenstellung.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 10, S. 50.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/25558/sieben-handstudien-und-skizze-eines-kopfesImage Request