Raffaello Santi, Studie zu Pythagoras mit seinen Schülern, Inv. Nr.: 4883
Studie zu Pythagoras mit seinen Schülern
Raffaello Santi, Studie zu Pythagoras mit seinen Schülern, Inv. Nr.: 4883
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Studie zu Pythagoras mit seinen Schülern

Raffaello Santi

1510




Künstler:in (Urbino 1483 - 1520 Rom)
Date1510
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSilberstift mit Weißhöhung auf grau grundiertem Papier
Dimensions28,7 x 39,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number4883
Inscribedl.o. "212" (in Feder); r.u. in Feder "79" (in anderer Feder)
MarkingsPrinz Charles de Ligne (Lugt 592); l.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text
Raphaels glanzvolle römische Karriere begann mit der berühmten Ausmalung der Stanza della Segnatura im Vatikan (1509-1511), einer von drei repräsentativen Räumen im Appartement Papst Julius´ II., in dem die Privatbibliothek des Papstes untergebracht war. Die traditionelle Anordnung der Bücher in den Bibliotheken nach den vier Universitätsfakultäten Theologie, Philosophie, Jurisprudenz und Poesie bestimmen den Themenkreis der vier monumentalen Wandbilder. Das erste Fresko des Künstlers löste große Begeisterung bei Julius aus, der daraufhin alle anderen Maler entließ, die in der Dekoration der päpstlichen Gemächer tätig waren, und Raphael alleine diese Aufgabe übertrug. Es dürfte sich dabei nicht um die Schule von Athen handeln, wie Giorgio Vasari angibt und einige Forscher heute wieder annehmen (vgl. Nesselrath, 1996, S. 10ff.), sondern um die Disputà, in der Raphael noch unmittelbar an die Kunst von Leonardo und Fra Bartolomeo sowie an sein früheres Fresko in S. Severo in Perugia anknüpft. In der um 1510 gemalten Schule von Athen sind die Figuren bereits individueller aufgefasst, vermögen sich frei in dem grandiosen architektonischen Raum zu entfalten, wozu auch die hellen leuchtenden Farben und das Licht beitragen, welche die Akteure nicht voneinander abgrenzen wie in der Disputà, sondern sie hervorheben und ihnen eine eigene Strahlkraft verleihen. In dem Fresko sind die herausragendsten Vertreter des antiken Denkens versammelt, mit Platon und Aristoteles im Zentrum, den beiden bekanntesten und einflussreichsten Philosophen der Geschichte. Raphael stellt auf faszinierende Weise in den verschiedenen Gruppen die philosophischen Schulen und Disziplinen sowie die Vermittlung und Aneignung der unterschiedlichen Wissensgebiete dar.  Die Persönlichkeiten lassen sich nur vereinzelt durch Beigabe ihrer Werke, Illustrierung ihrer Erkenntnisse oder aufgrund der Gesichtszüge identifizieren, und dennoch verkörpert jede einzelne vollkommen den jeweiligen philosophischen Gedanken durch die Einheit von geistigem Ausdruck, Auftreten in Handlung und Gebärde und konkreter Beschäftigung mit dem jeweiligen Fachgebiet. Wenngleich das Wandbild thematisch das komplexeste von allen Malereien Raphaels ist, besticht es durch die harmonische Proportionierung und Klarheit im kompositionellen Aufbau und bringt auf einzigartige Weise die Selbstbestimmtheit im Denken und Handeln der Akteure zum Ausdruck. Daher gilt die Schule von Athen zu Recht als das Schlüsselwerk der Malerei der Hochrenaissance. Während sich der Entstehungsprozess der Disputà anhand einer Vielzahl von Entwürfen gut nachvollziehen lässt, haben sich für diese Darstellung nur wenige Vorzeichnungen erhalten. Sie stammen alle aus der spätesten Vorbereitungsphase, in der Raphael auf einen zuvor geschaffenen Gesamtentwurf für die Komposition aufbauen konnte, der nicht erhalten ist. Von diesem ausgehend machte sich der Künstler an die genaue Ausarbeitung der einzelnen Gruppen anhand von Modellstudien. Hierzu gehört der Entwurf der Albertina für die Gruppe des Pythagoras mit seinen Schülern in der linken unteren Hälfte des Freskos. Raphael verwendete Modelle in Studiotracht, deren Arme und Beine freigelegt sind, um die Muskulatur der Glieder und deren Verkürzung genau beobachten zu können. Dabei benötigte er nur drei Figuren. Für die Gestalt des berühmten griechischen Philosophen Pythagoras, der seine Einsichten über die arithmetischen und musikalischen Proportionen in sein Buch schreibt, verwendete er einen Kahlköpfigen, den er links daneben in dem neugierig blickenden Kopisten wiederholte. Der Jüngling mit Lockenkopf, der die Aufmerksamkeit nach hinten leitet, diente für das Profil des Knaben am linken Rand. Der sich vorbeugende Mann mit Mütze, der seine Hand an die Brust legt, kehrt rechts neben Pythagoras wieder. Raphael hat dieser Gestalt, die er ursprünglich näher an die Gruppe herangerückt hatte, einen Stab zum Stützen gegeben, weil die Pose auf die Dauer ermüdend war. Er wiederholte sie rechts daneben mit einem Mantel, der über dem Knie hochgezogen ist, um sich die Beinstellung nochmals zu vergegenwärtigen. Umrisse von Köpfen im Hintergrund sowie Pentimenti an den Beinen von Pythagoras zeigen, dass der Künstler mit der genauen Anordnung der Figuren noch experimentierte.  So ist der schöne, in einen weißen Mantel gehüllte Jüngling, der den Kreis der Pythagoräer im Fresko nach hinten abschließt und zugleich zu der oberen Reihe der Philosophen überleitet, in dieser Zeichnung noch nicht ausformuliert. Raphael verwertete für die Gruppe eine frühe, später verworfene Vorzeichnung für die Disputà in Windsor Castle (Royal Library; Knab, Mitsch, Oberhuber, 1983, Nr. 278), die von Leonardos Anbetung der Könige in den Uffizien angeregt ist. In dieser hüllt der Künstler die Figuren durch Lavierung und Weißhöhung in Helldunkel und lässt ihre Bewegungen ineinanderfließen, wohingegen er in der vorliegenden Studie der Albertina den Silberstift verwendet, der sich zur präzisen Wiedergabe der Formen eignet. Dies wird noch verstärkt durch die fein aufgetragene Weißhöhung, die alle vom Licht bestrahlten Partien mit größter Deutlichkeit hervorhebt sowie das räumliche Verhältnis der Körper untereinander klärt. Auf diese Weise erhalten die Figuren jene oben beschriebene Möglichkeit der freien und individuellen Entfaltung. In der Ausführung im Fresko wandelte der Künstler die feine und präzise Lichtführung zugunsten einer breiteren und volleren Beleuchtung ab, die stark changierende Farbtöne entstehen lässt. Die verschiedenen Einzelstudien zur Schule von Athen fasste Raphael anschließend in einem Modello zusammen, der nicht erhalten ist,  den aber eine Kopie von Parmigianino in Windsor Castle (Royal Library) widerzuspiegeln scheint (Popham, 1971, Nr. 666, Pl. 205). In dem berühmten Karton in Mailand (Ambrosiana) und im Fresko veränderte Raphael noch verschiedenen Einzelheiten. Der Gestalt des Pythagoras gab er eine geschlossenere Haltung, verlieh dem Körper mehr Schwere und Erhabenheit und ließ ihn durch die Hinzufügung eines Bartes zugleich würdevoller erscheinen. Der Jüngling hinter ihm erhielt schließlich die Tafel in die Hand, auf der die berühmte pythagoräische Zahlen- und Harmonielehre verzeichnet ist.
Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 267
  • Stix 1932, 68
  • Birke/Kertész III, 4883
  • Bibliography
  • rad. von P. P. A. Robert mit Tonplatte von N. Le Sueur im Cabinet Crozat (Mariette 1741, p. 131, Nr. 44 (HB VII, p. 92, Nr. 44)
  • R. Rieger, Adam von Bartsch (1757-1821). Untersuchungen zum druckgraphischen Oeuvre (Mag. Arbeit), Bonn (Friedrich Wilhelms Universität) 1992, p. 106, III.2.3c, Abb. 70), von J. T. Prestel, 1785, in: Desseins des meilleurs Peintres ... du Cabinet de Monsieur Gérard Joachim Schmidt à Hambourg ..., 1779/1786, Nr. 28 (Rieger 1992, p. 104, III. 2.3a, Abb. 79
  • Wiegel 6983) und von F. Ruscheweyh, 1807
  • lith. von J. Pilizotti in Mansfeld, Lithographierte Copien XVI.
  • Weigel 6977,6979-6982
  • Braun 172 - Mariette 1741, S. 10, Nr. 103
  • Passavant 1860, Bd. 2, S. 438, Nr. 201
  • Waagen 1867, Bd. 2, S. 145, Nr. 209
  • Ruland 1876, S. 191, Nr. 98
  • Crowe/Cavalcaselle 1885, Bd. 2, S. 52-53
  • Müntz 1881, S. 342ff.
  • Springer 1883, S. 73f.
  • Morelli 1891/92, S. 574, Nr. 172 (Raphael-Schule)
  • Wickhoff 1892, S. XXVI (Franciabigio)
  • Fischel 1898, S. 66, Nr. 150 (Franciabigio)
  • Venturi 1920, Abb. 99
  • Fischel, Raphaels Zeichnungen, Bd. 7, 1928, Nr. 305 (Raphael, teilweise von anderer Hand überarbeitet)
  • Stix/Fröhlich-Bum 1932, S. 12, Nr. 68
  • Berenson 1938, Bd. 2, Nr. 757, Bd. 3, Abb. 921 (Franciabigio)
  • Cocke 1969, Tad. 96
  • Pope-Hennesy 1970, S. 104, Abb. 90
  • Dussler 1971, S. 74?
  • Oberhuber/Vitali 1972, Abb. V
  • Oberhuber/Ferino 1976, Nr. 34
  • de Vecchi 1981, Abb. 45?
  • AK Wien 1983, Nr. 25
  • Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 346
  • Joannides 1983, Nr. 227
  • Oberhuber1983, S. 16, Abb. 5
  • Kuhn 1984, Abb. 13
  • Ames-Lewis 1986, S. 95, Abb. XIV
  • Lorenz 1987, S. 135, Abb. 126-127
  • Zentai 1991, Abb. 20
  • Birke/Kertész 1995, Bd. 3, S. 1691f.
  • AK New York 1997, Nr. 16 (A. Gnann)
  • AK Venedig/Wien/Bilbao 2004-2005, Nr. 24 ( A. Gnann)
  • Schröder 2008, Nr. 47 (A. Gnann)
  • Haarlem 2012/13, Kat. 15 (A. Gnann)
  • Rieger 2014, Taf. 14, Abb. 149
  • AK H. Chapman, 'The Rise and Decline of Silverpoint Drawing in Renaissance Italy,' in: Drawing in Silver and Gold. Leonardo to Jasper Johns, National Gallery of Art Washington/The British Museum London, 2015, S. 101-143, S. 112, Abb. 8
  • AK Raffael Albertina Wien 2017/18, Nr. 53. (A. Gnann)
  • Provenance
  • Pierre Crozat (1665–1740), Paris, 1741 erworben, B. Py, Les dessins italiens de Pierre Crozat (1665–1740). L’œil de Mariette, Paris, 2015, S. 90, Nr. 103
  • Marquis de Gouvernet (1743–1775), Paris
  • Julien de Parme (1736–1799), Paris
  • Gerhardt Joachim Schmidt (1742–1801), Hamburg (?)
  • Prinz Charles de Ligne (1759–1792), Wien
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
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