Baccio Bandinelli, Die Erschaffung Adams, Inv. Nr.: 17673
Die Erschaffung Adams
Baccio Bandinelli, Die Erschaffung Adams, Inv. Nr.: 17673
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die Erschaffung Adams

Baccio Bandinelli

um 1547/48




Künstler:in (Florenz 1493 - 1560 Florenz)
Dateum 1547/48
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Braun
Dimensions40,7 x 28,9 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number17673
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

#Filippo Brunelleschi hatte im Florentiner Dom einen großen achteckigen hölzernen Chor mit der Absicht errichtet, diesen später in Marmor auszuführen. Baccio Badinelli konnte #Herzog Cosimo I. de´Medici von seinem anspruchsvollen Plan überzeugen, das Projekt in enger Anlehnung an das alte Modell zu verwirklichen, das jedoch durch eine reichere architektonische Gliederung und mit zahlreichen Skulpturen und Reliefs geschmückt eine prachtvollere Gestalt erhalten sollte (vgl. Heikamp 1964; Vossilla 1997; Lavin 1997). Im Jahre 1547 begann der Künstler mit Hilfe des Architekten #Giuliano di Baccio d´Angolo mit dem Bau dieses Chores, von dem nur ein Teil des Figurendekors verwirklicht wurde. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts stutzte man ihn auf seine heutige Form zurück. Aus #Vasaris (Bd. 6, S. 175 ff.) äußerst detaillierten Beschreibung dieses Vorhabens geht hervor, dass Bandinelli an den acht Außenseiten des Marmorsockels 21 Bronzereliefs mit Darstellungen aus dem Alten Testament beginnend mit der Schöpfung des ersten Menschenpaares anbringen wollte, die jedoch nie zur Ausführung gelangten. J. Bean (1960, unter Nr. 3) hat erstmals eine Reihe von annähernd maßgleichen und in der Technik übereinstimmenden Zeichnungen, zu denen auch das Wiener Blatt gehört, mit diesen Reliefs in Verbindung gebracht. Sie zeigen alle Szenen aus der Genesis (siehe AK Cambridge 1988, Nr. 39; Swoboda 1994, S. 27 f.). In der raffinierten kompositionellen Gestaltung und der sorgfältigen modelloartigen Durchführung gehören sie zu den eindrucksvollsten Blättern des Künstlers. Ihr vertikales Format steht zwar im Widerspruch zu der breitrechteckigen Fläche der Sockelfelder, doch konnte R. Ward plausibel machen, dass die Serie einer ersten, noch nicht endgültigen Planphase entspringt. Sie gehörten diesem Autor zufolge zu jenen Zeichnungen, die Bandinelli 1547/48 zusammen mit dem Modell des Choroktogons dem Herzog zur Begutachtung vorgelegt hatte, der sie außerordentlich bewunderte (AK Cambridge 1988, S. 70 f.).
Auf dem Wiener Blatt erscheint Gottvater auf einer Wolke schwebend und von Putten getragen mit einem Stab in der Hand, der das Knie Adams berührt und ihn dadurch zum Leben erweckt. Der erste Mensch löst sich wie eine Skulptur aus dem Fels, in dem sich die Umrisse seines Körpers in der Aushöhlung abzeichnen. Wie E. Knab und G. Swoboda gesehen haben, bringt Bandinelli hier auf schöne Weise sein Selbstverständnis als schöpfender Bildhauer zum Ausdruck, der gottgleich aus Stein Menschen bildet (vgl. AK Albertina 1975, Nr. 22; Swoboda 1994, S. 29). Die Zeichnung ist mit kräftiger dunkelbrauner Tinte höchst präzise und mit einem geometrisierenden, den Körpern skulpturale Wirkung verleihenden Strichsystem durchgeführt, das unverkennbar von #Michelangelo angeregt ist. Während bei diesem die Linien jedoch komplexer ineinandergreifen, dem Verlauf der Formen folgen und dadurch die Bewegungen vollkommen organisch wirken lassen, reduziert Bandinelli die Striche auch waagerechte Schraffuren, kurze gebogenen Linien und Kreuzlagen, die sich wie grobmaschige Stoffteile fleckig übereinander lagern und durch die Aussparung des lichten Blattgrundes der Oberfläche einen metallischen, bronzeartigen Glanz verleihen. Der Eindruck, dass sich die Figuren schrittweise aus dem neutralen Reliefgrund lösen, wird durch die dunkle Folie verstärkt, die Gottvater hinterfängt. Diesen verschatteten Hintergrund bildet wie in mehreren anderen Blättern dieser Serie ein Waldstück. Bandinelli plante, den östlichen der vier Bögen, die sich in den Oktogonseiten öffneten, durch eine schwarze Marmorwand zu schließen. Vor diese Wand sollten die beiden Statuen des Adam und der Eva gestellt werden und zwischen diese der Baum der Erkenntnis mit einem marmornen Stamm, Zweigen aus Kupfer und vergoldeten Blättern (Heikamp 1964, S. 35 f.). Möglicherweise suchte Bandinelli die Wirkung der glänzenden Belaubung vor dem dunklen Hintergrund in den Bronzereliefs wieder aufzugreifen, um dadurch die plastischen und dekorativen Elemente des Chores harmonisch aufeinander abzustimmen. Aus der Beschreibung Vasaris geht auch hervor, dass das erste Sockelfeld neben diesem Bogen, unter dem die Statuen des ersten Menschenpaares standen, das Bronzerelief mit der "Erschaffung Adams und Evas" schmücken sollte. Eine der beiden Szenen ist durch den hier ausgestellten Entwurf in der Albertina überliefert.

Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 88, S. 212.

Catalogue raisonné
  • Wickhoff 1892, SR 354
  • Stix 1932, 210
  • Birke/Kertész IV, 17673
  • Bibliography
  • Braun 4 - J. Bean, Les dessins italiens de la Collection Bonnat, Paris 1960, Kommentar zu Nr. 3
  • A.K. Paris 1975, Nr. XXII
  • R. Ward, Baccio Bandinelli as a Draughtsman (Diss.), London (Courtauld Institute) 1982, Nr. 410
  • A.K. Cambridge 1988, p. 69, Kommentar zu Nr. 39, 1
  • Birke 1991, p. 57, Abb. 59
  • L. A. Waldman, The Choir of Florence Cathedral: Transformations of Sacred Space, 1334-1572 (Diss.), New York University 1999
  • AK Florenz/Chicago/Detroit 2002/03, unter Nr. 152
  • AK Albertina/Venedig/Bilbao 2004/05, Nr. 88 (A. Gnann)
  • Provenance
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/26322/die-erschaffung-adamsImage Request
    Last edited25.09.2024