Kopf eines Jünglings
Lorenzo di Credi
1480-1485
Lorenzo di Credi war nicht nur Maler, sondern auch Bildhauer - ein Handwerk, das er in der Werkstatt von #Andrea del Verrocchio erlernt hatte. Als Mitschüler war dort auch #Leonardo tätig, der Lorenzo di Credi stark geprägt hat. Bei dem Wiener Jünglingsporträt lässt der Künstler auf der Oberfläche einen weichen Glanz entstehen und umgibt die Gestalt mit einem zarten Sfumato, was für einen Einfluss von Zeichnungen Leonardos zu sprechen scheint. Das Blatt besticht durch die souveräne Linienführung, die den Formen durch feine und präzise Striche eine klare plastische Begrenzung gibt. In den schwingenden Linien, den zart aufgesetzten Glanzlichtern und der weichen Rundung der Gesichtszüge ist das Streben nach Sorgfalt, Glätte und Vollendung in der Ausführung zu erkennen, was bereits #Vasari als das Charakteristische an den Werken des Künstlers bezeichnet hat (Vasari, Ausg. Milanesi, Bd. 4, S. 564, 569). Bei dem vorliegenden Blatt kommt die Harmonie der Linienführung, bei der auf alles Spontane oder Unruhige im zeichnerischen Vortrag verzichtet wird, der Darstellung dieses anmutigen, noch nicht zum Manne gereiften Jugendlichen entgegen. Durch die flüchtiger angedeutete Kleidung und die in lockerem Schwung herabfallenden Haarsträhnen erhält die Darstellung zudem eine gewisse Lebendigkeit. Dieser Eindruck wird durch die Grundierung unterstrichen, bei der einzelne Bahnen des Farbaufstrichs noch sichtbar sind.
Der Jüngling sucht nicht den Kontakt zum Betrachter, sondern hat die Lider leicht gesenkt und blickt nachdenklich, in sich versunken. Die großen, unterschiedlich geformten Augen, die gerundete Nase und der geschwungene Mund mit den fülligen Lippen sind immer wiederkehrende Merkmale bei Gesichtern in den Gemälden von Lorenzo di Credi. Sie finden sich ähnlich bei dem Knabenporträt mit rotem Barett (Isabella Stewart Gardner Museum, Boston), aber auch bei Frauenbildnissen wie der Venus in den Uffizien (Dalli Regoli 1966, Nr. 80, 121).
Trotz dieser Neigung des Künstlers zum Typisieren verbirgt sich dennoch hinter jedem dieser Köpfe ein individueller Charakter.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 42.
