Jacopo Robusti gen. Tintoretto, Männliche Aktstudie, Inv. Nr.: 24475
Männliche Aktstudie
Jacopo Robusti gen. Tintoretto, Männliche Aktstudie, Inv. Nr.: 24475
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Männliche Aktstudie

Jacopo Robusti gen. Tintoretto

um 1590




Künstler:in (Venedig 1519 - 1594 Venedig)
Dateum 1590
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesKohle
Dimensions32,8 x 22,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number24475
Inscribedr.u. in derselben alten Federschrift wie Inv. 24306 "G: Tintoretto"
Markingsl.u. Sir Joshua Reynolds (Lugt 2364)
Text

Tintoretto verbindet in seinem Werk den venezianischen Kolorismus eines #Tizian, dessen Schüler er anfänglich war, mit dem Streben nach dem Figurenideal #Michelangelos. Seine Darstellungen kennzeichnen häufig stark fluchtende Perspektiven, die von Figuren in gewagten Verkürzungen belebt werden, wodurch eine theatralische Stimmung auf den bühnenartigen Bildräumen entsteht, die durch starke Beleuchtungskontraste noch gesteigert wird.
Tintorettos zeichnerisches Werk besteht zum überwiegenden Teil aus Kohle- und Kreidestudien, die er nach Modellen oder Skulpturen für einzelne Gestalten in seinen Kompositionen anfertigte. Er schuf auch selbst kleine Modelle aus Ton oder Wachs, die er unter verschiedenen Lichtbedingungen und aus unterschiedlichen Perspektiven abzeichnete und mit Hilfe derer er sich die Verkürzungen des Körpers und einzelner Gliedmaßen verdeutlichte. Auf dem Blatt der Albertina studierte er aber vermutlich ein lebendes, sich an einem Seil festhaltendes Modell.
Die Aktfigur ist in Untersicht dargestellt und sitzt auf einem aus Rundungen bestehenden Gebilde, das eine Wolke sein könnte. Eine vergleichbare Pose nimmt ein Engel mit entblößtem Oberkörper und rotem Gewand in Tintorettos monumentalem Wandbild "Das Paradies" (1588-1592) in der Sala del Maggior Consiglio im Palazzo Ducale ein (Palucchini und Rossi 1982, Bd. 1, Nr. 465). Die Ähnlichkeit ist allerdings nicht groß genug, um hier von einem Entwurf für diese Figur sprechen zu können.
Großes Vorbild für Tintoretto war das athletische Figurenideal Michelangelos, von dessen allegorischen Figuren "Aurora" und "Crepuscolo" der Mediceer-Gräber in der Neuen Sakristei von S. Lorenzo in Florenz er Abgüsse erhielt, die #Daniele da Volterra nach Venedig gebracht hatte. Seine Zeichentechnik unterscheidet sich aber grundlegend von der des Florentiners. Die fest vom Umriss eingeschlossenen Körper mit ihren plastisch gespannten Muskelpartien lösen sich bei Tintoretto in einen lockeren Verband aus kurvierten Linien und Häkchen auf. Konturlinien und Binnenmodellierung bestehen unterschiedslos aus welligen Kringeln, die die Kohärenz des Körpers nur noch erahnen lassen.
Die Zeichnung wird allgemein dem Spätwerk des Künstlers zugeordnet. Charakteristisch für diese Stilphase ist, dass die zuvor noch übergreifenden und zusammenhängenden Umrisslinien in kurze Partien zergliedert werden, was die Posen höchst beweglich, geradezu zitternd erregt wirken lässt. Zugleich ist ein Nachlassen an durchgehender Kraft und Spannung im Inneren des Körpers zu verspüren. Auf detaillierte Binnenmodellierung verzichtet der Künstler in dieser Zeit fast gänzlich.

Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 58.

Catalogue raisonné
  • Stix 1926, 90
  • Birke/Kertész IV
  • Bibliography
  • Stix 1925, p. 8, Taf. 23
  • Tietze's 1944, p. 292, Nr. 1752 (mit Lit.)
  • A.K. London 1948, Nr. 34
  • A.K. Venedig 1961, Nr. 35
  • Fiocco 1961, p. 319
  • Benesch 1964, Nr. 38 (mit Lit.)
  • Koschatzky/Oberhuber/Knab 1971, p. 47, Fig. 21
  • P. Rossi, I Disegni di Jacopo Tintoretto. Corpus Graficum, Florenz 1975, p. 58 (mit Lit.)
  • A.K. Paris 1975, Nr. XXIX
  • A.K. Dresden 1978, Nr. 26
  • Birke 1991, p. 103, Abb. 124
  • AK Sydney 2002, Nr. 15 (A. Gnann)
  • Schröder 2008, Nr. 58 (A. Gnann)
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.58
  • Provenance
  • Sir Joshua Reynolds
  • 1923 von C. G. Boerner erworben
  • Online resources
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    Last edited24.09.2019