Männliche Aktstudie
Jacopo Robusti gen. Tintoretto
um 1590
Tintoretto verbindet in seinem Werk den venezianischen Kolorismus eines #Tizian, dessen Schüler er anfänglich war, mit dem Streben nach dem Figurenideal #Michelangelos. Seine Darstellungen kennzeichnen häufig stark fluchtende Perspektiven, die von Figuren in gewagten Verkürzungen belebt werden, wodurch eine theatralische Stimmung auf den bühnenartigen Bildräumen entsteht, die durch starke Beleuchtungskontraste noch gesteigert wird.
Tintorettos zeichnerisches Werk besteht zum überwiegenden Teil aus Kohle- und Kreidestudien, die er nach Modellen oder Skulpturen für einzelne Gestalten in seinen Kompositionen anfertigte. Er schuf auch selbst kleine Modelle aus Ton oder Wachs, die er unter verschiedenen Lichtbedingungen und aus unterschiedlichen Perspektiven abzeichnete und mit Hilfe derer er sich die Verkürzungen des Körpers und einzelner Gliedmaßen verdeutlichte. Auf dem Blatt der Albertina studierte er aber vermutlich ein lebendes, sich an einem Seil festhaltendes Modell.
Die Aktfigur ist in Untersicht dargestellt und sitzt auf einem aus Rundungen bestehenden Gebilde, das eine Wolke sein könnte. Eine vergleichbare Pose nimmt ein Engel mit entblößtem Oberkörper und rotem Gewand in Tintorettos monumentalem Wandbild "Das Paradies" (1588-1592) in der Sala del Maggior Consiglio im Palazzo Ducale ein (Palucchini und Rossi 1982, Bd. 1, Nr. 465). Die Ähnlichkeit ist allerdings nicht groß genug, um hier von einem Entwurf für diese Figur sprechen zu können.
Großes Vorbild für Tintoretto war das athletische Figurenideal Michelangelos, von dessen allegorischen Figuren "Aurora" und "Crepuscolo" der Mediceer-Gräber in der Neuen Sakristei von S. Lorenzo in Florenz er Abgüsse erhielt, die #Daniele da Volterra nach Venedig gebracht hatte. Seine Zeichentechnik unterscheidet sich aber grundlegend von der des Florentiners. Die fest vom Umriss eingeschlossenen Körper mit ihren plastisch gespannten Muskelpartien lösen sich bei Tintoretto in einen lockeren Verband aus kurvierten Linien und Häkchen auf. Konturlinien und Binnenmodellierung bestehen unterschiedslos aus welligen Kringeln, die die Kohärenz des Körpers nur noch erahnen lassen.
Die Zeichnung wird allgemein dem Spätwerk des Künstlers zugeordnet. Charakteristisch für diese Stilphase ist, dass die zuvor noch übergreifenden und zusammenhängenden Umrisslinien in kurze Partien zergliedert werden, was die Posen höchst beweglich, geradezu zitternd erregt wirken lässt. Zugleich ist ein Nachlassen an durchgehender Kraft und Spannung im Inneren des Körpers zu verspüren. Auf detaillierte Binnenmodellierung verzichtet der Künstler in dieser Zeit fast gänzlich.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 58.
