Europa und der Stier (Das Sternzeichen Taurus)
Baldassare Tommaso Peruzzi
um 1510
Künstler:in
Baldassare Tommaso Peruzzi
(Siena 1481 - 1536 Rom)
Dateum 1510
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder
Dimensions15,8 x 20,6 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number39861r
Markingsr.u. Lionel Lucas (L. 1733a)
TextK. Oberhuber hat die Zeichnung mit Europa und dem Stier als ein frühes, um 1510 datierbares Werk von Baldassare Peruzzi bestimmt. Es gelangte durch die Schenkung eines Bostoner Privatsammlers in die Albertina. Die Darstellung stimmt nahezu mit der Figurengruppe in einem der sechseckigen Zwickelfelder im Gewölbe der Loggia di Galatea in der Villa Farnesina überein (Frommel, 2003, fig. 153). Peruzzi hatte 1505/06 den Palast am Tiberufer für den reichen Bankier Agostino Chigi errichtet. In dem Zwickelfresko sind neben Europa und dem Stier noch Jupiter und ein Widder eingefügt und ergeben damit das Sternzeichen „Widder“ und „Stier“. Bekanntlich zeigen die zehn Sechsecke am Gewölbe der Loggia Tierkreiszeichen, die den Planetenstand des Geburtshoroskops von Agostino Chigi wiedergeben. Oberhubers Zuschreibung der Zeichnung als früheste erhaltene Studie Peruzzis für die malerische Ausgestaltung der Farnesina wurde in der Forschung allgemein akzeptiert, lediglich N. Dacos geht von einer späteren Kopie von der Hand eines manieristischen Künstlers aus. Bereits K. Oberhuber hat jedoch darauf hingewiesen, dass die lockere und spontane Linienführung sowie Pentimenti, wie sie etwa an dem zunächst nur umrisshaft angedeuteten, später sorgfältiger durchgestalteten Ohr des Stiers erkennbar sind, gegen eine Nachzeichnung sprechen. Auch die Existenz einer abweichenden Vorzeichnung in schwarzem Stift ist untypisch für eine Kopie. Zudem lassen sich Unterschiede zu der Ausführung im Fresko feststellen. So differiert etwa die Fältelung des Gewandes, ferner ist die Gestalt Europas in der Zeichnung näher an den Stier herangerückt, und ihre Bewegung kennzeichnet eine sorglose Freude und Ungezwungenheit. Diese Lebendigkeit erscheint im Fresko entscheidend abgeschwächt. Da die Darstellung auf dem Blatt offensichtlich nicht mit der Vervollständigung durch Jupiter und den Widder rechnet, dürfte sie der Künstler anfänglich nicht vorgesehen haben. Auch in andere Sechseckfelder des Gewölbes wurden lediglich eine Figur und ein Tier eingefügt. Wenngleich der Stil der Blattes nur bedingt Vergleiche mit anderen frühen Werken Peruzzis zulässt, zeigt er dennoch die Handschrift des Künstlers und nicht die eines späteren manieristischen Meisters. K. Oberhuber hat Bezüge zu Zeichnungen toskanischer Künstler aus der Zeit um 1500, wie etwa jene von Fra Bartolomeo festgestellt (vgl. Rotterdam u.a.a.O., 1990-1992, fig. 42-43, 76-77). N. Dacos bemängelte bei dem Blatt die fehlende Klarheit bei der Modellierung und der plastischen Gestaltung der Körper, doch ist das unruhige, flackernde Helldunkel, das die Formen bisweilen verunklärt, einzelne Partien in Schatten hüllt, andere hingegen spontan im Licht aufblitzen lässt, gerade ein Charakteristikum Sienesischer Zeichnungen. Eine vergleichbare Helldunkelgestaltung findet sich etwa in Zeichnungen von Domenico Beccafumi, bei dem die Strichführung jedoch freier und expressiver ist und die Figuren bizarrer aufgefasst sind (Vgl. De Marchi, 1990, fig. 13, Nr. 88, 97). Die rhythmisch bewegte Haltung Europas, die ihr Echo in der schwungvollen Zuwendung des Stiers findet, kennzeichnet eine raffinierte Eleganz und Grazie, die auf die Auseinandersetzung mit Schöpfungen Raphaels deutet. Zur gleichen Zeit war Raphael mit der Dekoration der Stanza della Segnatura betraut; und besonders die Musen im Wandbild des Parnass mit ihren fließenden graziösen Bewegungen dürften ihre Wirkung auf Peruzzi nicht verfehlt haben. Das Fresko mag zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollendet gewesen sein, doch könnte Peruzzi einzelne Vorzeichnungen gesehen haben. Von Raphaels organisch durchgebildeten Figuren all´antica unterscheidet sich die Figur der Europa allerdings durch die mangelnde Kraft und Festigkeit ihres Körpers, dem ein eigener Schwerpunkt fehlt und der mit seinen gummiartig biegsamen Gelenken und den spitz zulaufenden, kürzelhaft vereinfachten Händen typisch peruzzeske Stilmerkmale aufweist. Die Schattierung hüllt die Mädchengestalt ins Atmosphärische, doch sie verhindert zugleich ihr freies Ausgreifen in den Raum, da sie den Körper an den Grund bindet. Wie C. L. Frommel gezeigt hat (1967/68, S. 65f.), sind die sechseckigen Felder in den Zwickeln der Loggia di Galatea ästhetisch und ikonographisch mit den oktogonalen Bildern am Gewölbespiegel verbunden, die ebenfalls Sternzeichen auf einem neutralen blauen Fond wiedergeben. Die gemalten Rahmen der Hexagonalfelder sind so gestaltet, als erlaubten sie Durchblicke in den nächtlichen Himmel, an dem die Sternbilder erscheinen. Dennoch vermögen sich die Figuren der Tierkreiszeichen nicht vollkommen zu entfalten, da der blaue Grund nicht als Raum, sondern als neutrale Folie empfunden wird. Dieser Zwiespalt ist typisch für Peruzzi, der einerseits bestrebt ist, seine Figuren gemäß den Idealen der Hochrenaissance frei im Raum bewegen zu lassen, sich andererseits nicht von der flächenparallen Reihung der Motive lösen kann. F. Saxl (1957, 197f.) hat darauf hingewiesen, dass die Gestalt Europas im Sternzeichen Widder keine wirkliche astrologische Bedeutung hat. Ihre Einfügung hatte wohl schmückende Funktion und diente zum besseren Verständnis für den Betrachter, der sich an eine ihm vertraute mythologische Szene erinnern konnte. Peruzzi folgt relativ getreu der Schilderung Ovids (Liber 2, 853ff.), der das Aussehen des Stiers folgendermaßen beschreibt: „Weiß ist die Farbe wie Schnee... Muskeln strotzen am Nacken, es hangt bis zum Buge die Wamme.“ Es ist der Moment, in dem Europa ihre Angst vor dem prächtigen Tier überwunden hat und ihm die Hörner mit Blumenkränzen umflicht, unmittelbar bevor sie sich auf den Rücken des Stiers setzt, der sie forttragen wird. Diesem Raub der Europa verdankt der Stier seine Einfügung als Tierkreiszeichen im Himmel (Saxl, 1957, S. 197).
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/26943/europa-und-der-stier-das-sternzeichen-taurusImage RequestLast edited12.11.2013