Bogenschützen zielen auf eine Herme
Anonym
1530-1560
Michelangelos Darstellung der "Bogenschützen" erfreute sich größter Beliebtheit, wovon zahlreiche Kopien Zeugnis ablegen, zu denen auch diese Rötelzeichnung der Albertina zählt (Zusammenstellung bei Thode 1908-1913, Bd. 2, S. 366; Birke/ Kertész, Bd. 4, S. 2590 f.). Am getreuesten ist die Zeichnung Michelangelos in einer Kopie von #Bernardino Cesari, dem Schüler und Gehilfen seines Bruders #Giuseppe Cesari, genannt il Cavalier d’Arpino, wiedergegeben, die sich in Windsor Castle befindet (Popham/Wilde 1949, Nr. 456). Laut #Giovanni Baglione fertigte Bernardino Cesari Zeichnungen nach einigen Blättern an, die Michelangelo seinem Freund #Tommaso de’ Cavalieri geschenkt hatte. Diese Kopien seien so ähnlich ausgeführt gewesen, dass man sie nicht von den Originalen habe unterscheiden können. Die besondere Bedeutung von Bernardinos Nachzeichnung liegt darin, dass sie die Darstellung vollständig, somit noch vor der Beschneidung von Michelangelos Blatt wiedergibt. A. Perrig zählt zu den Forschern, welche die Zeichnung in Windsor Castle für eine Kopie #Giulio Clovios nach einem vermeintlichen heute verlorenen Original des Meisters halten. Er kommt zu diesem Schluss unter anderem aufgrund der Beobachtung, dass die verschiedenen Kopien in spezifischen Details alle von der Zeichnung in Windsor Castle abweichen, was laut Perrig voraussetzt, dass sie auf eine andere Vorlage, das vermeintlich verlorene Original, zurückgehen müssten. Perrig führt als Beispiel die große Zehe am linken Fuß des am weitesten in Richtung der Herme vorgestürmten Schützen an, die auf der Zeichnung in Windsor Castle angedeutet ist, auf allen Kopien aber fehle. In der Tat wird diese Zehe in der Regel weggelassen, mit Ausnahme einer vor einiger Zeit im Kunsthandel veräußerten Kopie (Martin Moeller – Meisterzeichnungen, Kat. d. Verst. Hamburg, 1991, Lot 3). Diese Einzelheit war aber offensichtlich leicht zu übersehen, zumal die Stelle unklar ist. Während der Kopist in Wien die Zehe ganz weggelassen hat, formte Cesari sie in seinem Blatt in eine Flamme des unterhalb lodernden Feuers um. Dass die Künstler ganz individuell kleinere Veränderungen gegenüber dem Original vorgenommen haben, ist etwa an der Positionierung der Pfeile zu erkennen, die in der Nachzeichnung von Cesari und in der Kopie der Albertina ebenso variiert wie die Lage der linken, ausgestreckten Hand der am Boden liegenden Figur. Wie groß diese eigenmächtigen Umformungen bei den Nachahmern sein können, zeigt ein Blick auf den #Nicolas Beatrizet zugeschriebenen, spiegelbildlichen Kupferstich (Barnes 2010, Abb. 3.9), der für ein Fresko in der Villa Borghese als Vorlage diente (Della Pergola 1955-1959, Bd. 1, Nr. 181, Bd. 2, Abb. 180). In dem Stich ruht der Arm des schlafenden Amor nicht auf einem Kissen, sondern auf seinen Flügeln, die Schützen halten alle Bogen in ihren Händen, und sie treffen mit ihren Pfeilen in das Ziel. A. Perrig zufolge hätten die Kopisten die vermeintlich verlorene Zeichnung Michelangelos lediglich im gerahmten Zustand sehen können. Cesari und der Künstler des Wiener Blattes hätten dabei die Randbereiche frei ergänzt, wohingegen in anderen Kopien nur der vom Rahmen freigegebene Ausschnitt erfasst sei. Dies ist aber nicht der Fall, denn eine in den Uffizien bewahrte Kopie (AK Florenz 1999/2000, Nr. 77, Text von P. Joannides) zeigt am oberen und am unteren Rand einen anderen Ausschnitt als die Bogenschützen in Windsor Castle, die Perrig für ein Werk Giulio Clovios, wir hingegen für das Original halten. Bei der Untersuchung der Gruppe von Nachzeichnungen ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass nicht alle Blätter notwendigerweise auf das Original zurückgehen, sondern einige von ihnen ihrerseits auf Kopien basieren. Anlass zu dieser Vermutung geben die hier besprochene Wiener Zeichnung sowie Kopien in den Florentiner Uffizien, der Akademie der Bildenden Künste in Wien (Inv. HZ 2824) und der Brera in Mailand (AK Montreal 1992, Nr. 104, Text von P. C. Marani), die sich alle in folgenden Einzelheiten von Michelangelos Bogenschützen unterscheiden: Bei ihnen haben alle Pfeile das Ziel getroffen, und der im Unterbauch der Herme steckende Pfeil fehlt, dies vermutlich deshalb, weil man die Partie dezenter gestalten wollte. Der nach hinten wehende untere Gewandzipfel des alten Satyrn ist weggelassen, und das landschaftliche Terrain im Vordergrund ist nur spärlich angedeutet. So lassen sich die Linien unterhalb der Füße der beiden Schützen im Vordergrund nicht wirklich als Bodenzone, sondern nur als Schlagschatten auslegen. Bei dem Laufenden, der sich der Herme am weitesten genähert hat, ist in der Kniekehle eine helle dreieckförmige Stelle auszumachen, die im Original von einem Bein des Knaben verdeckt wird. Ferner ist in Michelangelos Zeichnung der freibleibende Raum zwischen den Figuren verschattet, wohingegen dieser in den hier erwähnten Kopien hell bleibt. Ein weiterer auffälliger Unterschied besteht darin, dass in den Händen einiger der Schützen die Griffe der Bogen zu erkennen sind. In den Blättern der Albertina und der Akademie der Bildenden Künste halten zwei der Akte solche Griffe, in den Kopien der Uffizien und der Brera vier von ihnen. Die Zeichnung der Albertina ist die qualitätvollste Version, doch müssen die drei anderen Kopien nicht zwingend auf diese als Vorlage zurückgehen, da der Bildausschnitt in allen vier Fällen geringfügig differiert. Vermutlich lag allen diesen Nachzeichnungen eine heute verlorene Kopie nach Michelangelos "Bogenschützen" zugrunde.
Achim Gnann, in: Albertina, Wien (Hg.), Michelangelo. Zeichnungen eines Genies (Kat. Ausst. Albertina, Wien 2010/2011), Ostfildern 2010, Nr. 81.
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