Der Mord des Idioten
George Grosz
1912
Nach George Grosz' Erinnerungen begann er erst ein Jahr nach Abschluss des Studiums an der Dresdener Kunstakademie und nach seiner Rückkehr in seine Geburtsstadt Berlin auch mit Ölfarbe zu arbeiten (Grosz 1955, S. 100). Aus diesem Jahr, 1912, stammt das vorliegende Aquarell, bei dem es sich um eine Studie zu einem dieser ersten Ölbilder handeln könnte, das "eine damals sehr aktuelle Mordtat darstellte" (ebenda, S. 22).
Es ist kennzeichnend für die Lösung des Künstlers, der sich hier von dem stilistischen Idiom des "Japonismus" beeinflusst zeigt. Die flächige Klarheit dieses Zeitgeschmacks hatte sich auch bei Grosz gut den Erfordernissen der Witz- und Karikaturzeichnung, mit der er ab 1910 sein erstes Geld verdiente, anpassen lassen. Andererseits ist die von nervösen Strichbündeln schattierte Mordszene trotz ihrer Expressivität noch "von der Linie her gedacht, mehr ausgetuscht als gemalt" (ebenda, S. 100), was ihrer Leserlichkeit durchaus förderlich ist. Eindrucksvoll, wie es dem Künstler gelingt, mit zarten Umrisslinien und kühlen, präzise gesetzten Blautönen die dramatische Heftigkeit des Geschehens zu schildern, in dem uns im Blutrausch des mit einer Hacke bewehrten Täters das kalte Grauen des Wahnsinns entgegentritt: Ein durch seine beinahe völlige Hinterkopflosigkeit als geistesschwach charakterisierter Sträfling bzw. Patient einer Irrenanstalt hat soeben einen Wärter oder Genossen mit der Hacke erschlagen, der im Fallen einen Sessel mitgerissen hat und nun mit schwer verletztem Kopf in seinem Blut liegt.
Die Genauigkeit, mit der die Umstände der Tat beschrieben sind, entspricht der detaillierten Schilderung anderer Tatorte, die Grosz in jener Zeit mit Vorliebe behandelt hat. Szenen, in denen menschliche, meist geistig beschränkt wirkende Personen aus Eifersucht oder dumpfer Begierde männliche oder weibliche Artgenossen brutal ermorden, tragen Titel wie "Verbrechen", "Keilerei", "Schlägerei", "Affäre Mielzynski", "Das Ende des Weges", "Im Schlafzimmer" usw. Grosz selbst begründete viel später den unauslöschlichen Eindruck, den "Greuelpanoramengemälde auf den Jahrmärkten und Schützenfesten" seiner Kindheit auf ihn gemacht hatten: Sie hatten für ihn "das stets vorhandene Menschenbedürfnis nach einer Bildphantasie" befriedigt, "womit das Bedürfnis nach Kunst und Aktualität zusammentraf" (Grosz 1955, S. 18). Grosz' Faszination an der "Greuelberichterstattung" hatte sich in seiner Jugend nicht nur durch die Lektüre volkstümlicher Schauerromane, sondern auch durch sein Interesse für amerikanische Heftserien über den Meisterdetektiv Sherlock Holmes und dessen akribischen Scharfsinn gefestigt (ebenda, S. 20-25). Die Beschäftigung mit der bestialischen Natur des Menschen wird Zeit seines Lebens Triebfeder und Leitmotiv seiner Kunst sein und den bis etwa 1911 eher unpolitischen, am kommerziellen Erfolg seiner Kunst interessierten Karl-May-Verehrer neben #Otto Dix zum wichtigsten Proponenten einer gesellschaftskritischen Kunst der deutschen Moderne machen.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 249.
