Schaukel
Paul Klee
1914, 17
Obwohl von Kindheit an im Geigenspiel geübt und mit hoher Musikalität begabt, verließ Paul Klee seine Heimatstadt Bern mit 19 Jahren, um in München Malerei zu studieren. Bis etwa 1905 schwankte er zwischen dem Beruf als Musiker und der bildenden Kunst. Die Münchner Akademie besuchte er nur kurz, seine Ausbildung erfuhr er hauptsächlich in einer privaten Zeichenschule und dem Abendakt im deutschen Künstlerverein. Zu Freundschaften mit bildenden Künstlern der Avantgarde kam es erst Jahre später. Über seinen Berner Schulfreund #Louis Moilliet lernte Klee 1911 #August Macke kennen und trat durch diesen mit #Marc und #Kandinsky in Kontakt. Zunächst nur mit einer Abbildung in deren 1912 erscheinendem Almanach "Der Blaue Reiter" vertreten, war er an "Schwarz-weiß", der zweiten Ausstellung der Gruppierung, mit 17 Zeichnungen beteiligt. Noch vor Macke und Marc besuchte er 1912 den "Orphisten" #Robert Delaunay in Paris. Die Malerei des Franzosen hinterließ bei den Künstlern aus Deutschland einen starken Eindruck und führte in der Zeit zwischen Klees Tunisreise mit Moilliet und Macke im April 1914 und dem Tod von Macke und Marc zu Beginn des Ersten Weltkrieges auch zu einer formalen Verwandtschaft ihrer Kunst.
"Die Schaukel", in Klees Handverzeichnis als "Zchng Weltenschaukel" betitelt, ist vor dieser Reise entstanden. Sie trägt die Merkmale einer um 1912 einsetzenden Auseinandersetzung mit dem französischen Kubismus, die zuweilen durchaus ironisierend ist. Merkmale des Kubismus wie etwa die antiillusionistisch eingesetzte Helldunkelschraffur, aufgebrochene Konturen und halbtransparente Übergänge zwischen den Formen, imaginierte Konstruktionslinien und Bruchstücke stark vereinfachter Gegenstände kommen hier zu gänzlich neuartiger Anwendung. Sie werden zeichenhaft zu Strichformen verkürzt und wie technische Bausteine eingesetzt.
Trotz der Verspannung einiger Hauptlinien mit drei Bildrändern ist die Ausgewogenheit der Konstruktion durch die Labilität ihrer "Basis" am unteren Bildrand so sehr in Frage gestellt, dass man bei der "Schaukel" von einer "Logik des Instabilen" gesprochen hat (Eisykman 1997, S. 57 f.). Damit wirken sowohl die Betitelung als auch die Zeichnung als einander steigernde Metaphern für eine Ungewissheit, die zum Zeitpunkt der Entstehung einige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sowohl die Weltlage wie den Geisteszustand der menschlichen Gesellschaft charakterisiert. Als Gegenstück zu einer auf die biblische Genesis bezogenen aquarellierten Zeichnung (Genesis der Gestirne, 1914.14) mag sie auch die Unbeständigkeit des "Welten"-Raumes repräsentieren, dessen Elemente sich aus einer Art Sternenmüll konstituieren und mit den Bestandteilen eines kaputten Uhrwerks assoziiert werden können.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 240.
