Zebras
Victor Vasarely
1938
Ab 1929 besuchte der heute als Begründer der optischen Kunst, der sogenannten Op-Art, geltende Victor Vasarely (1906─1997) das Budapester Műhely, eine Privatschule von Sándor Bortnyk, die sich an den Ideen des Bauhauses orientierte. Von diesen Anfängen in den späten 1920er-Jahren in Ungarn über seinen Umzug nach Paris 1930 bis hin zu den darauffolgenden mehr als fünf Jahrzehnten schöpft sein Œuvre, das er immer wieder neu erfand. In Paris arbeitete er als erfolgreicher Gebrauchsgrafiker und entwickelte ein Interesse in Richtung geometrischer Abstraktion, indem er mit der systematischen Erforschung optischer Effekte in der Grafik, in Schwarz-Weiß mit Streifen und Schachbrettmustern experimentierte. Ab 1937 entstehen Werke mit dem Titel „Zebra“, die als erste Beispiele der Op-Art gelten. Das Moment der optischen Irritation dieses noch gegenständlichen Motivs war das Basisrepertoire für die folgenden Jahrzehnte. Das vorliegende „Zebra“ stellt Vasarelys Meisterschaft in der optischen Illusion dar. Sind die zwei Zebras auf den ersten Blick sogleich sichtbar, so bedarf es eines zweiten Blicks, um die Grenzen jedes einzelnen Zebras auszumachen. Der rechte Hinterlauf des einen Zebras kann auch als rechter Hinterlauf des anderen gelesen werden. Die teils gebogenen und gewellten Streifen erzeugen die Plastizität der Zebras. Die Komposition ist so komponiert, dass eine Illusion von Bewegung und Tiefe entsteht, die die Betrachter:innen fesselt. Vasarelys Bildwelten sind instabil und flüchtig, sie changieren und entziehen sich. Die scheinbar statischen Streifen werden lebendig, verändern sich vor unseren Augen und fordern unsere Wahrnehmung der Realität heraus.
Katharina Hövelmann in: Faszination Papier, hrsg. von Ralph Gleis, Katharina Hövelmann, Elsy Lahner, Eva Michel (Ausst.-Kat. Albertina, Wien), Wien 2025.
