Der Sohn des Künstlers
Heinrich Friedrich Füger
um 1796
Füger war durch seine Studien bei #Nicolas Guibal in Ludwigsburg (1764-1786) und bei #Adam Friedrich Oeser in Leipzig (1769-1772) bereits in nachhaltigen Kontakt mit den Prinzipien einer neoklassizistischen Kunstübung gekommen, die sich nach der Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem auf der Grundlage der Schriften von #Johann Joachim Winckelmann europaweit ausbreiteten. 1774 nach Wien gekommen, fiel er bald sowohl durch seine malerische Virtuosität als auch durch seinen intellektuellen Anspruch auf. Er erhielt dadurch ein staatliches Stipendium für einen Romaufenthalt, was damals gleichsam als Gipfel der Ausbildung eines neoklassizistischen Künstlers galt. 1783 kehrte er von Rom zurück, um in Wien sein Amt als Direktor der Kunstakademie anzutreten, und sich dort als Hauptrepräsentant des Neoklassizismus zu bewähren.
1790 heiratete Füger die Schauspielerin #Josephine Hortense Müller. Noch im selben Jahr wurde sein erstes Kind Heinrich geboren. Im vorliegenden Bildentwurf tritt dieser etwa zwei- bis dreijährige Bub wie ein kleiner Prinz auf, gekleidet in ein Seidenkostüm mit Schärpe und Halskrause, weißen Strümpfen und Lackschuhen. Spontan hat er Pinsel und Palette, das Arbeitsgerät seines Vaters, ergriffen und hält sie dem Betrachter auffordernd entgegen. In dieser ebenso entschieden wie zart empfundenen Pose verschmelzen die elegante Nonchalance, der dekorative Stil und die psychologisch vertiefte Sensibilität, die Füger zum hoch favorisierten Porträtisten der vornehmen Wiener Gesellschaft machten, zu einer besonders gelungenen Synthese. Fügers an der zeitgenössischen englischen Malkultur orientiertes Bildniskonzept entsprach namentlich den fortschrittlichen Intellektuellen, die unter dem Schutz des ganz nach den Maximen der Aufklärung herrschenden #Kaisers Joseph II. die Modernisierung der habsburgischen Monarchie vorantrieben. Der ausgeprägte pädagogische Impuls dieser Kreise rückte die Welt der Kinder nicht nur als Gegenstand der Erziehung, sondern - angeregt durch die Schriften von #John Locke und #Jean-Jacques Rousseau - auch der Emanzipation eines naturgebundenen Menschenlebens in den Mittelpunkt. Fügers Identifikation mit solchen Überlegungen ist darin zu erblicken, dass er sich nicht scheute, eine durchaus familiär gedeutete Aufnahme seines Sohnes in ein repräsentatives Gemälde (Österreichische Galerie Belvedere, Dauerleihgabe der Akademie der bildenden Künste, Wien) umzusetzen.
Maren Gröning, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 157.
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