Der Apostel Simon Zelotes
Brügger Künstler
um 1440
Die zwölf Apostel (Inv. 3031- Inv. 3042) präsentieren sich nun erstmals wieder in ihrer ursprünglichen Zusammenstellung: Einst waren jeweils ein stehender und ein sitzender Apostel auf einem Papierbogen vereint, bevor die Blätter wahrscheinlich bei ihrem Eingang in die Sammlung Alberts von Sachsen-Teschen zerschnitten und zu je zwei stehenden und zwei sitzenden Figuren neu gruppiert wurden. Die ursprünglichen Paare sind durch Johann Gottlieb Prestels Faksimile-Reproduktionen von Werken der Praun’schen Sammlung sowie durch die beim Schneiden in zwei Hälften geteilten Wasserzeichen in der Blattmitte zu rekonstruieren.
In der Nürnberger Sammlung Praun galten die Apostel noch als Werke von »Israël de Mecheln« (Israhel van Meckenem) und wurden erst 1916 von Friedrich Winkler als Kopien nach Werken Jan van Eycks identifiziert. Aufgrund ihrer stilistischen Nähe zu den Patriarchen in der Anbetung des Lammes sowie den Grisaillefiguren an der Außenseite des Genter Altars (datiert 1432) wird die Entstehung ihrer Vorlagen um 1430 vermutet. Im Unterschied zu den großteils mit Silberstift ausgeführten Zeichnungen aus dem Eyck-Kreis handelt es sich bei den Aposteln um Federzeichnungen, die jedoch mit ihrer Feinheit und Dichte der Linien sowie mit den typischen »Lichtkonturen« wesentliche Merkmale der Zeichenweise Van Eycks und seines Umkreises aufweisen. Sie sind daher vermutlich in unmittelbarer Nähe des Brügger Meisters entstanden. Borchert (2010) wies die Apostelfiguren jüngst Mitarbeitern der Eyck-Werkstatt zu, wo sie als Musterblätter und Motivschatz dienten.
Neben den von Borchert aufgezeigten Schraffen, die bei einem Teil der Blätter entlang der Binnenkonturen verlaufen, divergiert aber auch ihre Zeichenweise. Sie umfasst zart abgestufte, fein strichelnde Parallelschraffen wie beim Evangelisten Johannes, die wie bei den Schatten von Judas Thaddäus (Inv. 3042) in regelloser Dichte rupfig verwoben sein können. Bei anderen Figuren wie beim Apostel Paulus (Inv. 3032) kamen häufiger (für eyckische Zeichnungen eigentlich unübliche) Kreuzschraffen zur Anwendung, oder die Federlinien wurden wie beim heiligen Bartholomäus (Inv. 3039) und Jakobus Minor (Inv. 3037) durch partielle Lavierung ergänzt. Bemerkenswert ist, dass mittels Schlagschatten um die Apostel Raum evoziert wird, dass die einander paarweise zugewandten Apostel jedoch kein räumlicher Zusammenhang miteinander verbindet, was den Musterblattcharakter unterstützt.
Die Funktion der verlorenen Originale wurde kontrovers diskutiert (vgl. Zeman in AK Antwerpen 2002) und reichte von Silberstiftzeichnungen als Entwürfe für Kleinplastiken oder Reliefs über Grisaillemalereien und Paramentenstickereien. Von der Apostelserie existierte wahrscheinlich eine zweite, auf Pergament gezeichnete Fassung, die möglicherweise von der Wiener Serie abgepaust wurde (Zeman in AK Antwerpen 2002) und von der nur Jakobus Minor (New York, The Morgan Library & Museum, Inv. I, 225) und Paulus (New York, The Metropolitan Museum of Art, The Robert Lehman Collection, Inv. 1975.1.841) erhalten sind.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 13, S. 26.
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