David tötet Goliath (Scheibenriss)
Dirk Jakobsz. Vellert
um 1523
Dirck Vellert war einer der bedeutendsten Glasmaler seiner Zeit. Sein Ruf ging weit über die Landesgrenzen hinaus: Für Heinrich VIII. entwarf er den monumentalen Fensterzyklus im King’s College (Cambridge). Den Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens bildeten aber monochrome Kabinettscheiben im Rundformat, beliebt als Schmuck der bleiverglasten Fenster in Klöstern, Kreuzgängen oder Rathäusern. Vellert hinterließ über 50 Entwürfe für diese kleinformatigen Arbeiten. Aus dem Jahr 1523 stammen 14 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, die zusammen mit vier undatierten Blättern vermutlich zu einem typologischen Zyklus nach Art der Biblia Pauperum gehörten, der die alt- und neutestamentarischen Szenen sinnreich konfrontiert.
In seinen Entwurfszeichnungen nimmt Vellert die Wirkung der Glasscheiben bereits vorweg. Dunkelflächige Schattenangaben bringen die hellen Partien schon auf dem Papier zum Leuchten. In diesem Blatt wurde der zu Boden gestreckte Goliath geschickt in das Rund hineinkomponiert. Sein Kopf ist zurückgesunken und am Hals klafft eine Wunde. Gerade setzt David zum entscheidenden Streich an, um den Riesen endgültig zu enthaupten; das mächtige Schwert hatte er dem besiegten Gegner zuvor entwendet (1 Sam 17, 51). Es folgt in seiner Krümmung den Vorgaben des Blattformats, während es in der diagonalen Ausrichtung mit dem rechten Unterschenkel des Philisters korrespondiert. Solche Parallelbezüge – sie finden ihr Echo in dem am Boden liegenden Speer – sorgen in dieser turbulenten Szene für die räumliche Verankerung der Figuren.
Einer in ihrer tektonischen Klarheit ganz anderen Bildsprache begegnen wir auf der zweiten Zeichnung (Inv. 7804). Schauplatz des Geschehens ist der königliche Palast. David war inzwischen ein erfolgreicher Heerführer und hatte Sauls Tochter Michal geheiratet. Jetzt aber trachtete ihm der eifersüchtige König nach dem Leben. Doch während Sauls Soldaten schon den Palast umstellen, lässt sich David an einem Seil aus dem Seitenfenster herab (1 Sam 19, 11 – 12). Im souveränen Umgang mit bildparallelen Flächen und kühnen Diagonalzügen zeigt sich Vellert als Designer »avant la lettre«. Wenn er die Umlenkrolle des Seiles außerhalb des Bildausschnittes liegen lässt, wirkt dies aus heutiger Sicht geradezu modern.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 24, S. 54.
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