Kaiser Maximilian wird der Kopf des Ebers überbracht
Bernard van Orley
vor 1530
Diese Zeichnungen stehen im Zusammenhang mit dem wohl größten Projekt der im 16. Jahrhundert florierenden Brüsseler Teppichwirkerei. Schon Karel van Mander berichtet von den Jagdszenen, die Bernard van Orley für Karl V. (1500 – 1558) »auf sehr kostbare Weise als Gobelin« weben ließ und die den Kaiser und seine Fürsten nach der Natur wiedergaben. Heute kennt man die zwölf jeweils einem Monat zugeordneten Tapisserien unter dem Namen der Belles Chasses oder Jagden Maximilians. Sie wurden zwischen 1531 und 1533 gewebt (Paris, Musée du Louvre, Inv. OA 7314 – 7325), doch die zugehörigen Entwürfe entstanden wohl schon in den späten 1520er- Jahren. Gobelins wurden in einem aufwendigen Verfahren hergestellt. Die Teppichweber folgten einem maßstabsgetreuen »grand patron«, dem wiederum eine oder mehrere Entwurfszeichnungen vorangingen. Diese »petits patrons« dienten manchmal zugleich als Präsentationszeichnungen für den Auftraggeber.
Zu den Jagden Maximilians existieren gleich zwei Serien solcher »petits patrons«. Eine entstand wahrscheinlich unter Werkstattbeteiligung und befindet sich komplett im Louvre (Inv. 20151–21062); aus der zweiten, wohl von Van Orley selbst gezeichneten Folge sind nur fünf Blätter erhalten (Leiden, Rijksuniversiteit, Prentenkabinet, Inv. PK 2046, PK 2047; Berlin, Staatliche Museen, Kupferstichkabinett, KdZ 26376; Budapest, Szépművészeti Múzeum, Inv. 1365; Kopenhagen, Statens Museum for Kunst, Inv. KKS6628). Beide Folgen sind detailliert mit feiner Feder und lavierendem Pinsel ausgeführt.
Die Wiener Zeichnungen, denen noch die ebenfalls in der Albertina verwahrte Erlegung des Ebers (Inv. 7807) anzuschließen ist sowie eine Mahlzeit der Jäger aus dem Louvre (Inv. 20150), sind thematisch eng mit den Entwürfen zu Dezember und Januar assoziiert. Identisch ist wohl auch die zentrale Figur des Fürsten, bei dem es sich entweder um Maximilian I. (1459 – 1519) handelt oder um seinen Enkel Ferdinand I. (1503 – 1564), den Bruder Karls V.
Anstelle der vielfigurigen Arrangements der »petits patrons« konzentrierte sich der Zeichner unserer Blätter auf wenige große Figuren. Hauptanliegen der breit mit dem Pinsel gezeichneten Arbeiten war die malerische Wiedergabe von Licht und Atmosphäre im Waldesinneren.
Bernard van Orley beschäftigte ein großes Atelier und schon Benesch hatte für die Wiener Jagden die Mitwirkung der Werkstatt nicht ausgeschlossen. Heute wird diese Einschätzung allgemein akzeptiert. Dies dürfte das Ansehen der Zeichnungen nicht allzu sehr beeinträchtigen, wenn man bedenkt, dass nach alten Berichten auch Künstler wie Pieter Coecke van Aelst an den Tapisserieentwürfen beteiligt waren, dessen früher Zeichenstil an die breite Pinselfaktur unseres Blattes erinnert.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 33, S. 70.
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