Die großen Fische fressen die kleinen
Pieter Bruegel d. Ä.
1556
"Die großen Fische fressen die kleinen" – so lautet ein bekanntes Sprichwort. Für Bruegel und seine Zeitgenossen eine tiefe Wahrheit! Sprichwörter galten ganz allgemein als Fundus altbewährter Weisheiten.
Das Sprichwort von den großen und kleinen Fischen hat Bruegel hier wörtlich genommen. Aus dem Maul und Bauch eines großen gestrandeten Fisches quellen kleinere Fische, die wiederum noch kleinere Fische gefressen haben. In dem Boot im Vordergrund weist ein Vater seinen Sohn auf den Riesenfisch hin. Der Kleine soll erkennen, dass Fressen und Gefressenwerden ein Naturgesetz ist, das die Welt beherrscht. Das Kind verweist seinerseits auf eine auch sprichwörtlich im selben Boot sitzende dritte Figur, die gerade einen weiteren mit Fischen vollgefressenen Fisch ausnimmt. Es ist somit eindeutig der Mensch, der am Ende dieser kannibalischen Nahrungskette steht.
Am Horizont ist eine Stadt zu erkennen, wahrscheinlich Antwerpen, die blühende Handelsstadt, Zentrum der Geldwirtschaft und des ständigen Wettbewerbs. Auch dort konnte man erleben, wie große Fische die kleinen fressen.
Hieronymus Cock, Bruegels Antwerpener Verleger, besaß ein ausgezeichnetes Gespür dafür, was sich am Kunstmarkt gut verkaufte. Bruegels Zeichnung publizierte er als Kupferstich (Inv. DG1955/116), aber unter einem anderen Namen! Dort wird nämlich nicht Bruegel als Urheber genannt, sondern sein berühmter Vorgänger Hieronymus Bosch. Bosch war zwar schon vierzig Jahre tot, aber auf dem Kunstmarkt waren seine Werke gefragte Sammlerobjekte; seine grotesken Monster und Mischwesen wurden kopiert und imitiert und fanden reißenden Absatz. Kein Wunder also, dass Cock auch den jungen Bruegel im Stil von Bosch arbeiten ließ.
Rahmenaußenmaß 52,1 × 43,5 × 2,4 cm
Über die Geburt und die frühen Lebensumstände von Pieter Bruegel ist so gut wie nichts bekannt. Wahrscheinlich war er bei dem Romanisten #Pieter Coecke van Aelst in der Lehre. Kurz nachdem er der Antwerpener Malergilde beigetreten war (1551/52), reiste auch er nach Italien. Nach seiner Rückkehr nach Antwerpen (1555) begann er seine Tätigkeit für den Verleger #Hieronymus Cock. Während dieser langjährigen Zusammenarbeit produzierte Bruegel fast vierzig Entwürfe für Kupferstiche - Landschaften, Seestücke, religiöse Themen und weltliche Allegorien -, die international große Verbreitung fanden. Seine Gemälde entstanden großteils nach 1560. 1563 übersiedelte er nach Brüssel, wo er Mayke van Aelst, die Tochter seines Lehrmeisters, heiratete. Die beiden Söhne - #Pieter (der Jüngere) und #Jan (der Ältere) - wurden gleichfalls Maler. Pieter Bruegel der Ältere hatte keine Schüler, er übte aber bis tief ins 17. Jahrhundert auf viele Künstlergenerationen einen großen Einfluss aus.
Mehr als die Hälfte der insgesamt 67 mit Sicherheit zugeschriebenen Zeichnungen Pieter Bruegels - vermutlich ein Bruchteil seiner tatsächlichen Produktion - stellen Entwürfe für Kupferstiche dar. Im Gegensatz zu den erstaunlich realistischen und atmosphärischen Federzeichnungen von Gebirgs- und Waldlandschaften, die während und kurz nach der italienischen Reise entstanden sind, scheint er sich in den Entwürfen für die Allegorien bewusst an einem älteren Zeichenstil orientiert zu haben. Sein großes Vorbild war hier #Hieronymus Bosch.
Die sorgfältige Ausführung dieser blattfüllenden, sehr detaillierten Darstellungen hängt unmittelbar mit ihrer Funktion zusammen: Bis in die kleinste Einzelheit sollten die gezeichneten Vorlagen von den Stechern auf die Kupferplatte übertragen werden. Dabei arbeitete Bruegel eng mit seinem Verleger und den Verfassern der erklärenden Texte zusammen, die zumeist in flämischer und lateinischer Sprache gedruckt wurden. In den Südlichen Niederlanden reichte das Spektrum der Interessenten für diese Kupferstiche von der humanistischen Elite bis zum breiten Mittelstand, bei dem sich das Theater einer großen Beliebtheit erfreute.
Fünf der insgesamt sechs Bruegel-Zeichnungen der Albertina stellen Entwürfe für Kupferstiche dar. Eines der berühmtesten und gleichzeitig frühesten Blätter dieser Gruppe ist die 1556 datierte Darstellung "Die großen Fische fressen die kleinen", die von #Pieter van der Heijden 1558 in Kupfer gestochen wurde (Inv. DG1955/116). In dieser spiegelbildlichen Wiedergabe hat der Verleger #Hieronymus Bosch als Erfinder angeführt; vierzig Jahre nach seinem Tod (1516) war Bosch immer noch sehr berühmt. Vielleicht ist Bruegel sogar von einem unmittelbaren, heute unbekannten Vorbild seines bewunderten Vorgängers ausgegangen, zu dem er sich in seinem feinen Zeichenstil und in seinem fantastischen Figurenrepertoire eindeutig bekannte.
Im Vordergrund der Darstellung sitzen Vater und Sohn in einem Ruderboot, der Sohn zieht einen kleinen Fisch aus dem aufgeschlitzten Bauch eines größeren Exemplars heraus. Der Vater zitiert ein niederländisches Sprichwort: "Siehe, Sohn, das habe ich seit langem gewusst, dass die großen Fische die kleinen fressen." Er zeigt belehrend auf das Hauptmotiv, einen auf dem Trockenen liegenden überdimensionalen Fisch, aus dessen Maul und aufgeschnittenem Bauch eine Menge Fische und andere Meerestiere herausquellen - darunter manche, die selbst Fische in ihrem Maul halten. Bis in den Himmelsbereich ist die ganze Darstellung von Fischen und fischartigen Fantasiegeschöpfen überschwemmt. Die Moral der Darstellung teilt sich unmittelbar mit: So groß und kräftig man auch ist, gibt es immer einen Kräftigeren, dessen Opfer man wird. Auffallend in dieser Zeichnung sind die reich nuancierten Oberflächenwirkungen, etwa in den Spiegelungen der Wasserfläche oder in der schimmernden Haut des großen Fisches. Von den (später teilweise verstärkten) Umrisslinien bis hin zu den feinen gestrichelten Linien und Punkten sollte alles genau auf die Platte übertragen werden.
Marian Bisanz-Prakken, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 24.
The early life of Pieter Bruegel the Elder (1526/27–
1569) was long shrouded in obscurity. This changed
when Jan van der Stock located the likely origins
of his family in the town of Breugel, in northern
Brabant. From there, Bruegel’s parents and their
children probably moved to Breda before settling in
Antwerp in 1542. In 1545/46, Bruegel began training
with Pieter Coecke van Aelst the Elder (1502–1550);
in 1551/52, he reached the age of legal majority and
became a member of the city’s Guild of Saint Luke.1
In 1555, after a journey to Italy that lasted several
years, the artist began an intense collaboration
with Hieronymus Cock (1518–1570), whose Antwerp
publishing house, Aux Quatre Vents, specialized
in printed images, including architectural,
mythological, biblical, and genre subjects for a
growing middle-class audience.2
Signed and dated 1556, Big Fish Eat Little Fish was
executed as a preliminary drawing for an engraving.
A giant fish lies stranded upon a peninsula. Out
of its mouth and slit belly pour many other fish,
which, in turn, devour even smaller animals. The
boat in the foreground shows a fisherman armed
with a knife, as well as a boy and a man, who, with
his outstretched arm, directs the viewer’s gaze
toward the spectacular action. A fortified city can
be discerned in the distant background, which with
its large harbor is likely an allusion to Antwerp. The
image conveys a timeless truth: that the strong and
powerful prevail over the weak. Within the context
of the drawing’s creation, when Netherlandish
trade and economy experienced an unprecedented
prosperity and society was increasingly divided into
“winners” and “losers,” this simple insight gained
tremendous relevance.
Amid the division of labor between artist,
engraver, and publisher, Bruegel strove to convey
his intentions regarding the drawing’s translation
into a print as precisely as possible. The decisively
drawn main contours, which are sporadically traced
in another ink and in some cases show the scored
traces of transfer, provided the engraver, Pieter
van der Heyden (1520/40–after 1572), with an exact
model.
Van der Heyden’s version of the image, executed
in 1557, explicitly states the topic portrayed in
the Latin and Netherlandish verses, printed in
the margin below: Big fish eat little fish (fig. 1).
Remarkably, Bruegel is not named as the inventor
of the composition. Instead, the print includes the
annotation Hieronÿmus Bos. Inuentor (Jheronimus
Bosch, inventor). There are several reasons for this
auctorial appropriation: for one, the attribution to
Bruegel’s famous predecessor Jheronimus Bosch
(c. 1450–1516) would certainly have motivated
Cock’s clientele to purchase the work. Indeed, the
theme of small fish being devoured by a large fish
had already been present in Bosch’s paintings.3
Beyond such economic and authorial considerations,
the prevalent concept of cross-generational
emulation also inspired Bruegel to directly
reference the earlier artist.4 Already during his
own lifetime, Bruegel was known as a “secondo
Girolamo Bosco” (second Jheronimus Bosch).5 In
many of his graphic works, he deliberately invoked
Bosch’s formal language, inviting direct comparison
between his own inventions and those of the master
from ’s-Hertogenbosch (see also [74–76]).
1. Van der Stock 2019, 8–9.
2. Cf. Van Grieken et al. 2013.
3. For example, to the right of the pond in the central panel of
Jheronimus Bosch, The Garden of Earthly Delights, c. 1500, oil
on panel, 185.8 x 172.5 cm (central panel), 185.8 x 76.5 (wings),
Museo Nacional del Prado, Madrid, P002823.
4. Cf. Ilsink 2009.
5. Guicciardini 1567, 99.
Emily J. Peters, Laura M. Ritter (Hg.), AK Tales of the City. Drawing in the Netherlands from Bosch to Bruegel, Cleveland Museum of Art 9.10.2022 - 8.1.2023, New Haven 2022, Kat. Nr. 73
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