Pieter Bruegel d. Ä., Die großen Fische fressen die kleinen, Inv. Nr.: 7875
Die großen Fische fressen die kleinen
Pieter Bruegel d. Ä., Die großen Fische fressen die kleinen, Inv. Nr.: 7875
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die großen Fische fressen die kleinen

Pieter Bruegel d. Ä.

1556




"Die großen Fische fressen die kleinen" – so lautet ein bekanntes Sprichwort. Für Bruegel und seine Zeitgenossen eine tiefe Wahrheit! Sprichwörter galten ganz allgemein als Fundus altbewährter Weisheiten.

Das Sprichwort von den großen und kleinen Fischen hat Bruegel hier wörtlich genommen. Aus dem Maul und Bauch eines großen gestrandeten Fisches quellen kleinere Fische, die wiederum noch kleinere Fische gefressen haben. In dem Boot im Vordergrund weist ein Vater seinen Sohn auf den Riesenfisch hin. Der Kleine soll erkennen, dass Fressen und Gefressenwerden ein Naturgesetz ist, das die Welt beherrscht. Das Kind verweist seinerseits auf eine auch sprichwörtlich im selben Boot sitzende dritte Figur, die gerade einen weiteren mit Fischen vollgefressenen Fisch ausnimmt. Es ist somit eindeutig der Mensch, der am Ende dieser kannibalischen Nahrungskette steht.

Am Horizont ist eine Stadt zu erkennen, wahrscheinlich Antwerpen, die blühende Handelsstadt, Zentrum der Geldwirtschaft und des ständigen Wettbewerbs. Auch dort konnte man erleben, wie große Fische die kleinen fressen.

Hieronymus Cock, Bruegels Antwerpener Verleger, besaß ein ausgezeichnetes Gespür dafür, was sich am Kunstmarkt gut verkaufte. Bruegels Zeichnung publizierte er als Kupferstich (Inv. DG1955/116), aber unter einem anderen Namen! Dort wird nämlich nicht Bruegel als Urheber genannt, sondern sein berühmter Vorgänger Hieronymus Bosch. Bosch war zwar schon vierzig Jahre tot, aber auf dem Kunstmarkt waren seine Werke gefragte Sammlerobjekte; seine grotesken Monster und Mischwesen wurden kopiert und imitiert und fanden reißenden Absatz. Kein Wunder also, dass Cock auch den jungen Bruegel im Stil von Bosch arbeiten ließ.



Künstler:in ((Breda?) 1526/27 - 1569 Brüssel)
Date1556
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder und Pinsel in Grau und Schwarz
Dimensions21,6 × 30,7 cm
Rahmenaußenmaß 52,1 × 43,5 × 2,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number7875
Inscribedr.u. "1556 / bruegel"
Signedr.u. "1556 / bruegel"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Über die Geburt und die frühen Lebensumstände von Pieter Bruegel ist so gut wie nichts bekannt. Wahrscheinlich war er bei dem Romanisten #Pieter Coecke van Aelst in der Lehre. Kurz nachdem er der Antwerpener Malergilde beigetreten war (1551/52), reiste auch er nach Italien. Nach seiner Rückkehr nach Antwerpen (1555) begann er seine Tätigkeit für den Verleger #Hieronymus Cock. Während dieser langjährigen Zusammenarbeit produzierte Bruegel fast vierzig Entwürfe für Kupferstiche - Landschaften, Seestücke, religiöse Themen und weltliche Allegorien -, die international große Verbreitung fanden. Seine Gemälde entstanden großteils nach 1560. 1563 übersiedelte er nach Brüssel, wo er Mayke van Aelst, die Tochter seines Lehrmeisters, heiratete. Die beiden Söhne - #Pieter (der Jüngere) und #Jan (der Ältere) - wurden gleichfalls Maler. Pieter Bruegel der Ältere hatte keine Schüler, er übte aber bis tief ins 17. Jahrhundert auf viele Künstlergenerationen einen großen Einfluss aus.
Mehr als die Hälfte der insgesamt 67 mit Sicherheit zugeschriebenen Zeichnungen Pieter Bruegels - vermutlich ein Bruchteil seiner tatsächlichen Produktion - stellen Entwürfe für Kupferstiche dar. Im Gegensatz zu den erstaunlich realistischen und atmosphärischen Federzeichnungen von Gebirgs- und Waldlandschaften, die während und kurz nach der italienischen Reise entstanden sind, scheint er sich in den Entwürfen für die Allegorien bewusst an einem älteren Zeichenstil orientiert zu haben. Sein großes Vorbild war hier #Hieronymus Bosch.
Die sorgfältige Ausführung dieser blattfüllenden, sehr detaillierten Darstellungen hängt unmittelbar mit ihrer Funktion zusammen: Bis in die kleinste Einzelheit sollten die gezeichneten Vorlagen von den Stechern auf die Kupferplatte übertragen werden. Dabei arbeitete Bruegel eng mit seinem Verleger und den Verfassern der erklärenden Texte zusammen, die zumeist in flämischer und lateinischer Sprache gedruckt wurden. In den Südlichen Niederlanden reichte das Spektrum der Interessenten für diese Kupferstiche von der humanistischen Elite bis zum breiten Mittelstand, bei dem sich das Theater einer großen Beliebtheit erfreute.
Fünf der insgesamt sechs Bruegel-Zeichnungen der Albertina stellen Entwürfe für Kupferstiche dar. Eines der berühmtesten und gleichzeitig frühesten Blätter dieser Gruppe ist die 1556 datierte Darstellung "Die großen Fische fressen die kleinen", die von #Pieter van der Heijden 1558 in Kupfer gestochen wurde (Inv. DG1955/116). In dieser spiegelbildlichen Wiedergabe hat der Verleger #Hieronymus Bosch als Erfinder angeführt; vierzig Jahre nach seinem Tod (1516) war Bosch immer noch sehr berühmt. Vielleicht ist Bruegel sogar von einem unmittelbaren, heute unbekannten Vorbild seines bewunderten Vorgängers ausgegangen, zu dem er sich in seinem feinen Zeichenstil und in seinem fantastischen Figurenrepertoire eindeutig bekannte.
Im Vordergrund der Darstellung sitzen Vater und Sohn in einem Ruderboot, der Sohn zieht einen kleinen Fisch aus dem aufgeschlitzten Bauch eines größeren Exemplars heraus. Der Vater zitiert ein niederländisches Sprichwort: "Siehe, Sohn, das habe ich seit langem gewusst, dass die großen Fische die kleinen fressen." Er zeigt belehrend auf das Hauptmotiv, einen auf dem Trockenen liegenden überdimensionalen Fisch, aus dessen Maul und aufgeschnittenem Bauch eine Menge Fische und andere Meerestiere herausquellen - darunter manche, die selbst Fische in ihrem Maul halten. Bis in den Himmelsbereich ist die ganze Darstellung von Fischen und fischartigen Fantasiegeschöpfen überschwemmt. Die Moral der Darstellung teilt sich unmittelbar mit: So groß und kräftig man auch ist, gibt es immer einen Kräftigeren, dessen Opfer man wird. Auffallend in dieser Zeichnung sind die reich nuancierten Oberflächenwirkungen, etwa in den Spiegelungen der Wasserfläche oder in der schimmernden Haut des großen Fisches. Von den (später teilweise verstärkten) Umrisslinien bis hin zu den feinen gestrichelten Linien und Punkten sollte alles genau auf die Platte übertragen werden.

Marian Bisanz-Prakken, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 24.

The early life of Pieter Bruegel the Elder (1526/27–

1569) was long shrouded in obscurity. This changed

when Jan van der Stock located the likely origins

of his family in the town of Breugel, in northern

Brabant. From there, Bruegel’s parents and their

children probably moved to Breda before settling in

Antwerp in 1542. In 1545/46, Bruegel began training

with Pieter Coecke van Aelst the Elder (1502–1550);

in 1551/52, he reached the age of legal majority and

became a member of the city’s Guild of Saint Luke.1

In 1555, after a journey to Italy that lasted several

years, the artist began an intense collaboration

with Hieronymus Cock (1518–1570), whose Antwerp

publishing house, Aux Quatre Vents, specialized

in printed images, including architectural,

mythological, biblical, and genre subjects for a

growing middle-class audience.2

Signed and dated 1556, Big Fish Eat Little Fish was

executed as a preliminary drawing for an engraving.

A giant fish lies stranded upon a peninsula. Out

of its mouth and slit belly pour many other fish,

which, in turn, devour even smaller animals. The

boat in the foreground shows a fisherman armed

with a knife, as well as a boy and a man, who, with

his outstretched arm, directs the viewer’s gaze

toward the spectacular action. A fortified city can

be discerned in the distant background, which with

its large harbor is likely an allusion to Antwerp. The

image conveys a timeless truth: that the strong and

powerful prevail over the weak. Within the context

of the drawing’s creation, when Netherlandish

trade and economy experienced an unprecedented

prosperity and society was increasingly divided into

“winners” and “losers,” this simple insight gained

tremendous relevance.

Amid the division of labor between artist,

engraver, and publisher, Bruegel strove to convey

his intentions regarding the drawing’s translation

into a print as precisely as possible. The decisively

drawn main contours, which are sporadically traced

in another ink and in some cases show the scored

traces of transfer, provided the engraver, Pieter

van der Heyden (1520/40–after 1572), with an exact

model.

Van der Heyden’s version of the image, executed

in 1557, explicitly states the topic portrayed in

the Latin and Netherlandish verses, printed in

the margin below: Big fish eat little fish (fig. 1).

Remarkably, Bruegel is not named as the inventor

of the composition. Instead, the print includes the

annotation Hieronÿmus Bos. Inuentor (Jheronimus

Bosch, inventor). There are several reasons for this

auctorial appropriation: for one, the attribution to

Bruegel’s famous predecessor Jheronimus Bosch

(c. 1450–1516) would certainly have motivated

Cock’s clientele to purchase the work. Indeed, the

theme of small fish being devoured by a large fish

had already been present in Bosch’s paintings.3

Beyond such economic and authorial considerations,

the prevalent concept of cross-generational

emulation also inspired Bruegel to directly

reference the earlier artist.4 Already during his

own lifetime, Bruegel was known as a “secondo

Girolamo Bosco” (second Jheronimus Bosch).5 In

many of his graphic works, he deliberately invoked

Bosch’s formal language, inviting direct comparison

between his own inventions and those of the master

from ’s-Hertogenbosch (see also [74–76]).

 

1. Van der Stock 2019, 8–9.

2. Cf. Van Grieken et al. 2013.

3. For example, to the right of the pond in the central panel of

Jheronimus Bosch, The Garden of Earthly Delights, c. 1500, oil

on panel, 185.8 x 172.5 cm (central panel), 185.8 x 76.5 (wings),

Museo Nacional del Prado, Madrid, P002823.

4. Cf. Ilsink 2009.

5. Guicciardini 1567, 99.

 

Emily J. Peters, Laura M. Ritter (Hg.), AK Tales of the City. Drawing in the Netherlands from Bosch to Bruegel, Cleveland Museum of Art 9.10.2022 - 8.1.2023, New Haven 2022, Kat. Nr. 73

Catalogue raisonné
  • Benesch 1928, 076
  • Bibliography
  • De Tolnay 1952, Nr. 44
  • Hans Mielke, Pieter Bruegel, die Zeichnungen, Turnhout 1996, S. 47, Nr. 31
  • A.K. Pieter Bruegel the Elder. Drawings and Prints, New York 2001, S. 140-141, Nr. 38 (Nadine M. Orenstein)
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.68
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina, Wien, Petersberg 2008, S. 92-94, Nr. 24 (M. Bisanz-Prakken)
  • Ilsink 2009, S. 215–252
  • M. Sellink: Bruegel. The Complete Paintings, Drawings and Prints, New York 2011, S. 88-98, Kat. 42
  • L. Silver: Pieter Bruegel, New York, Paris 2011, S. 84-86, Abb. 68
  • Fritz Koreny, unter Mitarbeit von Gabriele Bartz und Erwin Pokorny: Hieronymus Bosch. Die Zeichnungen. Werkstatt und Nachfolge bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Catalogue raisonné, Turnhout 2012, S. 295, Anm. 7
  • AK Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, S. 94-97Nr. 41
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), AK, Die Gründung der Albertina. 100 Meisterwerke der Sammlung, Ostfildern 2014, S. 116-117
  • AK Beyond Bosch. The Afterlife of a Renaissance Master in Print, Marisa Bass/Elizabeth Wyckoff (Hg.), Saint Louis Art Museum, St. Louis 2015, S. 61-63, 126-129, Nr. 11 (Marisa Bass)
  • Ilsink 2015
  • Koerner 2016, S. 81–83
  • Gary Schwartz, Jheronimus Bosch. The Road to Heaven and Hell, London/New York 2016, S. 220
  • Eva Michel (Hg.), Pieter Bruegel. Das Zeichnen der Welt (Kat. Ausst. Albertina, Wien, 2017), München 2017, S. 181
  • Ritter 2017
  • Jürgen Müller/Thomas Schauerte, Pieter Bruegel. Das vollständige Werk, Köln 2018, S. 346-348
  • Oberthaler, Elke et al. (Hg.), AK, Bruegel. Die Hand des Meisters Kunsthistorische Museum, Wien 2018, S.69-71, Nr. 21 (Ron Spronk)
  • Bassens, Maarten und Joris Van Grieken, AK, Bruegel. The Complete Graphic Works, Brüssel 2019, S. 126-127, Nr. 8 (Katrien Lichtert)
  • Hoppe-Harnoncourt, Alice et a. (Hg.), Bruegel, the Hand of the Master: Essays in Context, Veurne: Hannibal, 2019, S. 118-120, Nr. 1-3
  • Emily J. Peters, Laura M. Ritter (Hg.), AK Tales of the city. Drawing in the Netherlands from Bosch to Bruegel, Cleveland Museum of Art 9.10.2022 - 8.1.2023, New Haven 2022, Kat. Nr. 73
  • Emily J. Peters, Laura Ritter (Hg.), AK Bruegel und seine Zeit, Albertina 15.2.2023 – 24.5.2023, Wien, München 2023, Kat. 51.
  • Die Reise der Bilder. Hitlers Kulturpolitik, Kunsthandel und Einlagerungen in der NS-Zeit im Salzkammergut (Kat. Ausst., Lentos Kunstmuseum, Linz 2024), München 2024 (Abb. S. 184)
  • Provenance
  • wohl Sammlung Kaiser Rudolf II. (1552–1612), Prag
  • 1631 Kaiserliche Schatzkammer, Wien
  • 1783 Kaiserliche Hofbibliothek, Wien
  • 1796 Sammlung Herzog Albert von Sachsen-Teschen (1738–1822)
  • Online resources
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    Last edited29.11.2024