Die Taufe Christi
Joachim Antonisz. Wtewael
um 1618-1624
Die Taufe Christi steht am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Joachim Wtewael konnte für seine Darstellung aus allen vier Evangelien schöpfen. Demnach predigte Johannes der Täufer am Jordan und rief angesichts des kommenden Gottesgerichts zur Taufe als Sündenvergebung auf. Als auch Jesus zu ihm kam, sah Johannes in dem Moment, als der Herr aus dem Wasser stieg, den Himmel geöffnet und den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube herabkommen. Während aber Johannes noch ganz in Erwartung eines strafenden Gerichts lehrte, deutete Jesus die Herrschaft Gottes fortan im Zeichen von Liebe und Erbarmen.
Wtewael baut seine Komposition aus dicht gedrängten Figuren auf. Durch die ausgeklügelte Lichtregie, eine sogartige Komposition und seine kraftvoll gebauten Figuren in strapaziösen Posen zeigt sich der Künstler als Protagonist des internationalen Manierismus. Die Hauptszene spielt im Hintergrund, ist durch den fokussierenden Tunnelblick und eine dramatische Beleuchtung dennoch ins Zentrum gerückt. Viele Zaungäste haben sich also eingefunden, die teils zwecks besserer Sicht die am Flussufer stehenden Bäume erklimmen, teils aber mit sich selbst oder ihren Gefährten beschäftigt sind. Freilich sind die Figuren im Vordergrund keinesfalls bloße Staffage, sondern durch auffallende Kostüme, genrehafte Geschäftigkeit und mitunter heftige, gestische Aktion gleichsam Kommentatoren des geheiligten Geschehens: So mag die Romni das universelle Ausmaß des Ereignisses andeuten, der Versehrte mit Krücke und Holzbein die Verheißung auf Linderung, die ausgelassenen Landsknechte die Freude über das Kommen des Messias. Mit demutsvoller Geste empfängt Christus von Johannes die Taufe. Letzterer hält die Siegesfahne bereit, um auf die triumphale Überwindung des Todes durch die österliche Auferstehung hinzuweisen. Das in Johannes personifizierte Ende des Alten Testaments symbolisiert der verfallene Tempel im Hintergrund.
Die Komposition malte Wtewael mehrfach in Öl (Lowenthal 1986, Nrn. A-80, C-12, C-13), mehrere Detailabweichungen und die exquisite Ausführung des Blattes legen indessen nahe, es handle sich eher um ein eigenständiges Werk als um eine Vorstudie.
aktualisierter Text aus: Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 100, S. 208.
