Bewegte See mit Booten vor einem Pier
Cornelis Claesz. van Wieringen
späte 1620er-Jahre
Cornelis Claesz. van Wieringen, Sohn eines Seemanns, war auch selbst mit der maritimen Praxis vertraut. Er zählt zu den frühesten Nachfolgern von #Hendrick Cornelisz. Vroom (1566-1640), einem der Begründer der holländischen Marinemalerei; beide Künstler waren in Haarlem tätig. Von Hendrick Cornelisz. Vroom - Vater des Landschaftskünstlers #Cornelis Hendricksz. Vroom (Inv. 8166, 8167, 8168) - sind viele bunt detaillierte Gemälde mit Darstellungen von maritimen Ereignissen, aber nur wenige Zeichnungen bekannt. Van Wieringen dagegen hat weitaus mehr Zeichnungen als Gemälde produziert. Die gezeichneten Arbeiten van Wieringens sind nicht datiert; sichere Anhaltspunkte bieten eine nach seinem Entwurf entstandene Tapisserie aus dem Jahr 1622 sowie die Druckgrafiken, die nach seinen - nicht erhaltenen - Vorlagen ausgeführt wurden.
Die präsentierte Zeichnung wurde traditionell Hendrick Vroom zugeschrieben; 1979 wurde sie in das erstmals konstituierte Œuvre Cornelis van Wieringens aufgenommen. Zusammen mit dem motivisch und stilistisch verwandten Blatt "Segelboote bei einem Pier" im Fitzwilliam Museum in Cambridge zählt "Bewegte See mit Booten vor einem Pier" jetzt zu den Höhepunkten im zeichnerischen Schaffen des Künstlers. Beide Werke wurden in die späten 1620er-Jahre datiert, die die reife Entwicklungsphase van Wieringens markieren. Anders als in seinen früheren, imaginären Darstellungen handelt es sich in dieser Szene um alltägliche, maritime Aktivitäten in einer wirklich vorstellbaren räumlichen Situation. Das Meer breitet sich unter dem weiten Wolkenhimmel als offene Fläche aus, in der die Tiefe nicht durch künstlich anmutende Staffelungen, sondern durch den Pier rechts vorne und die weiter entfernte Landzunge am linken Bildrand auf natürliche Weise definiert wird. Zu dieser Tiefenwirkung tragen auch die räumlichen Entfernungen zwischen den Schiffen bei, welche sich durch ihre Verschiedenartigkeit und ihre unterschiedliche Lage effektvoll voneinander abheben. Die immer noch spätmanieristische Kalligrafie mit den schwungvollen wie auch fragilen parallelen und spitzwinkligen Linienformationen dient der Wiedergabe von Phänomenen, die der empirischen Wahrnehmung zugrunde liegen. Dies zeigt sich im bewegten Spiel der Wellen, in den Lichtspiegelungen und in den durch die Wolken brechenden Sonnenstrahlen. Die große Wirkung, die #Hendrick Goltzius um 1600 in Haarlem mit seinen virtuosen Federzeichnungen entfaltete, ist hier nach wie vor spürbar. Zugleich markiert die Zeichnung den Übergang zum neuen Realismus der Landschafts- und Marinedarstellungen.
Die scharf detaillierte, modellhafte Wiedergabe des im Vordergrund segelnden Bootes könnte - ebenso wie der bildhaft vollständige Charakter der Zeichnung - auf eine Funktion als Stichvorlage hinweisen, obwohl eine entsprechende druckgrafische Fassung bisher nicht nachgewiesen werden konnte.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 152, Abb. 324.
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