Alpenstraße mit Blick ins Tal
Tobias Verhaecht
um 1600
Nachdem Tobias Verhaecht in den 1580er-Jahren glücklich die Alpen überquert hatte, war er bereits in Florenz und Rom durch seine Landschaftsdarstellungen aufgefallen. Zurück in seiner Heimat, machte er in der Antwerpener Lukasgilde Karriere, heiratete eine Verwandte von Rubens und war möglicherweise auch einer von dessen Lehrern. Von seinem offenbar einstmals reichen Werk, das sich besonders der Landschaft widmete, ist nur Weniges auf uns gekommen.
Noch Jahre nach seiner Italienreise entstanden fantastische Gebirgslandschaften, die deutlich den Einfluss des älteren Pieter Bruegel erkennen lassen, den der Meister bis in die nachfolgende Generation ausgeübt hat. Eingebunden in die Tradition der manieristischen Überblickslandschaft bedient sich Verhaecht auch deren typischem Kolorit aus Braun und Blau; seine persönliche Handschrift sind die eng gesetzten, kurzen Strichelungen, zu sehen etwa an den kegelförmigen Nadelbäumen.
Seine Alpenstraße mit Blick ins Tal mag Erinnerungen an das überwältigende Erlebnis einer Gebirgsdurchquerung wachhalten. Der Blick geht von erhöhter Warte in eine Schlucht mit zerklüfteten Felsflanken. Der vor dem Betrachter liegende Weg schlängelt sich, einer Achterbahn gleich, hinab zu einem Fluss, dessen reißende Kraft sich Flößer zunutze machen. Zwei Wanderer treiben ihre Packesel über eine gemauerte Bogenbrücke, um kurz darauf einen gewagten Holzsteg zu passieren, bis der Pfad jäh bergab führt. Am Flussufer liegt – im Schatten steiler, mit Kirche und Burg kühn bebauter Felsen – eine befestigte Stadt. Ganz in der Ferne, wo sich die düstere Klause zum sonnenbeschienenen Tal weitet, blicken wir auf einen zweiten Ort. Doch zieht vom Horizont her kräftiges Gewölk auf, das Wanderer wie Flößer zum baldigen Ende ihres Geschäfts mahnt. Auch ohne vordergründige Handlung erweitert Verhaecht damit das Gemenge aus Naturstudium und Fantasie um einen moralisierenden Aspekt.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 46, S. 106.
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