Rückenfigur eines treppensteigenden Knaben mit Radfragment
Salomon de Bray
um 1654
Salomon de Bray, Sohn des aus den Südlichen Niederlanden emigrierten #Simon de Bray, zog in seiner Jugend aus seiner Geburtsstadt Amsterdam nach Haarlem, wo er vermutlich bei #Hendrick Goltzius und #Cornelis van Haarlem in die Lehre ging. Salomon war in dieser Stadt nicht nur als Maler und Zeichner von Porträts und Historienbildern tätig, sondern trat auch im Bereich der Dichtkunst, der Architektur und der angewandten Kunst hervor. Von großer Bedeutung war für ihn die Mitarbeit an der Gestaltung von Huis ten Bosch in den Jahren 1649/50. Seine drei Söhne Jan (geboren um 1627), Dirck (geboren um 1635) und Joseph (Geburtsdatum unbekannt) waren gleichfalls künstlerisch tätig und kopierten viele Werke des Vaters.
Die reizvolle kleine Zeichnung der Rückenfigur eines treppensteigenden Knaben wirkt wie eine autonome Genredarstellung. Diese entpuppt sich jedoch als die Wiederholung eines Details, das der Kompositionszeichnung "Das Martyrium der heiligen Katharina von Alexandrien" (Haarlem, Teylers Museum) anzutreffen ist; signiert wurde diese in schwarzer und roter Kreide ausgeführte Arbeit mit "SD Bray 1654". Trotz dieser Bezeichnung stammt die Haarlemer Zeichnung, neuen Erkenntnissen zufolge, nicht unmittelbar von Salomon de Bray, sondern von dessen Sohn Joseph. Dieser hat die Szene mit der heiligen Katharina vermutlich nach einem - unbekannt gebliebenen - gemalten oder gezeichneten Vorbild des Vaters kopiert. Zu sehen ist hier der Moment, in dem die Haare der auf einem Podium knienden Heiligen kurz vor ihrer Enthauptung abgeschnitten werden. Der Knabe, der dieses Podium rechts vorne besteigt, trägt das Attribut der Märtyrerin - ein Fragment des Rades, mit dem sie ursprünglich gefoltert werden sollte. Verhindert wurde diese Tortur, indem ein göttliches Licht das Rad in mehrere Stücke zerbrach. Die Knabengestalt der Zeichnung - gleichfalls in schwarzer und roter Kreide ausgeführt - ist mit der Figur der großen Komposition weitgehend identisch. Auch diese Arbeit wird seit kurzem Joseph (oder Dirck) de Bray zugeschrieben. Auffallend an dieser kleinen, aber prägnanten Darstellung ist der detailreiche Realismus, von den Falten des weißen Hemds, der hellen Strümpfe und der restlichen Bekleidung bis zum Glanz der feinen Locken. Hier macht sich die für Salomon de Bray und seinen Kreis charakteristische, fein strichelnde Kreidetechnik geltend, durch die - mit nur zwei Farben - die verschiedenen Oberflächenwirkungen höchst nuanciert vermittelt werden.
Ob die Papierfläche dieser in sich geschlossenen Darstellung wesentlich beschnitten wurde, lässt sich nicht mehr feststellen; auch über Zweck und Funktion der Zeichnung ist nichts bekannt. Jedenfalls klingt hier der Haarlemer "Nach dem Leben"-Realismus, der - von Goltzius ausgehend - um 1600 vor allem von #Jacques de Gheyn vertreten wurde, immer noch nach.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 89, S. 196.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/29226/ruckenfigur-eines-treppensteigenden-knaben-mit-radfragmentImage Request