Bauernkarren auf einer Anhöhe und Blick auf eine Ebene
Jan Josefsz. van Goyen
1653
Die zahlreichen Landschaftszeichnungen aus den späten Lebensjahren Jan van Goyens tragen aufgrund ihrer lockeren Ausführung den Charakter der spontanen Auseinandersetzung mit der sichtbaren Wirklichkeit. Diese relativ kleinen, in schwarzer Kreide ausgeführten und durchgängig grau lavierten Blätter scheinen auf den ersten Blick unmittelbar nach der Natur entstanden zu sein. In Wirklichkeit schuf van Goyen diese zumeist datierten und monogrammierten Arbeiten aus der Erinnerung oder auf Grundlage seiner Reiseskizzen (siehe Inv. 8524). Von diesen Pseudo-"nach dem Leben"-Blättern sind allein schon aus den Jahren 1652 und 1653, in denen die hier vorgestellten Zeichnungen (Inv. 8518, 8519, 17583, 17584) entstanden sind, über 350 signierte und datierte Blätter bekannt. Die Nachfrage nach diesen in sich geschlossenen, autonomen Blättern, in denen Eigenart und Vielfalt der holländischen Landschaft immer noch unmittelbar nachvollziehbar sind, muss sehr groß gewesen sein.
Trotz der Wiederkehr bestimmter Motivkombinationen oder Standardkompositionen geht van Goyen in jeder Zeichnung ganz neu an seine Thematik heran; eigenhändige Repliken kommen - anders als bei seinem Kollegen #Pieter de Molyn - in seinem Œuvre nicht vor. Aufgrund der lebhaften Imaginationskraft des Künstlers zeigt jede seiner Landschaftsdarstellung ihre eigene Prägung und einen spezifischen Stimmungswert; die immense Produktivität des Künstlers tut der unmittelbaren Frische seiner Schöpfungen keinen Abbruch.
Die Zeichnung mit dem Bauernkarren und den über eine Ebene blickenden Reisenden zeugt von der vitalen Funktion, die die Menschen in den Landschaften van Goyens erfüllen. Die Komposition lebt vom Kontrast zwischen den kräftig markierten Vordergrundbereich, in dem die summarisch erfasste Gruppe den Schwerpunkt bildet, und den subtil abgestuften Zonen der ausgedehnten Flachlandschaft. Das breite, dunkle Wolkenband ist mehr als dekorative Zugabe: Es betont die Horizontalität der Landschaft, verstärkt die Konzentration auf die Vordergrundfiguren und bildet ein formales Gegengewicht zur dunklen Anhöhe.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 49, S. 110-112.
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