Der Prophet Jonas vor den Mauern von Ninive
Rembrandt Harmensz. van Rijn
um 1651
Durch intensive Auseinandersetzung mit den literarischen - vor allem biblischen - Quellen versuchte Rembrandt immer wieder, zum emotionalen Kern der darzustellenden Geschichten durchzudringen. Ganz besonders trifft dies auf die Zeichnung "Der Prophet Jona vor den Mauern von Ninive" zu.
Im Buch Jona des Alten Testaments wird beschrieben, wie der Prophet in Ninive den Untergang der in Sünde lebenden Stadt gepredigt hat. Als der König und seine Untertanen offen ihre Reue zeigten, sah Gott jedoch von der angedrohten Strafe ab. Schwer enttäuscht ließ Jona sich an den östlichen Mauern der Stadt nieder. Als Gott den Rizinusstrauch, den er in einer Nacht hatte wachsen lassen, tags darauf wieder zugrunde gehen ließ, sodass Jona der stechenden Sonne ausgesetzt war, erreichten der Zorn und die Verzweiflung des Propheten ihren Höhepunkt; er wünschte sich sogar den Tod herbei. Bezugnehmend auf den vertrockneten Strauch sagte Gott belehrend zu Jona: "Mir aber sollte es nicht Leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können - und außerdem so viel Vieh?"
Rembrandt bezieht sich offensichtlich auf den dramatischsten Teil der Geschichte (Jona 4, 7-9). Mit knappen Mitteln kennzeichnet er die Essenz der äußeren Lage: die schwere Architektur, den fehlenden Schutz vor der brennenden Sonne und die karge Vegetation. Im Fokus der Darstellung stehen die ringenden Hände und die verzweifelte Miene der Hauptfigur. Die heftigen Striche der schweren Vordergrundpartie und der dunklen Höhle unterstreichen die Dramatik der Szene; umso intensiver wirkt das blendende Sonnenlicht, das durch die freigelassenen Papierstellen hervorgerufen wird.
Charakteristisch für Rembrandts späten Zeichenstil um die Mitte der 1650er-Jahre ist die extrem freie, teils heftige Strichführung der Rohrfeder, mit der die Formen und Strukturen nur sparsam angedeutet werden. In einem stockenden Rhythmus wechselt die Tinte von hell bis dunkel, von flüssig bis spröde, wobei die Konturen stellenweise sehr durchlässig wirken. Gleichsam seismografisch registriert das Stakkato der Federlinien die Emotionen der verzweifelten, der stechenden Sonne ausgesetzten Gestalt.
Marian Bisanz-Prakken, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 90.
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