Blick auf die Amstel und "Het Molentje"
Rembrandt Harmensz. van Rijn
späte 1650er-Jahre
In Rembrandts zeichnerischem Werk nehmen Landschaften einen wichtigen Platz ein. Er muss in den späten 1640er-Jahren häufig mit Skizzenbüchern bewaffnet durch seine Heimatstadt Amsterdam und in deren unmittelbare Umgebung gewandert sein. Die mit wenigen Strichen skizzierten Örtlichkeiten sind zumeist topografisch bestimmbar: Es sind keine berühmten Plätze oder Sehenswürdigkeiten, sondern eher unspektakuläre Gegenden. Die Skizzen bezaubern gerade durch ihre Schlichtheit und die Unmittelbarkeit des Natureindrucks. Das Gesehene ist rasch und in groben Zügen festgehalten, ohne zu viel Augenmerk auf Details, die weiße Papierfläche effektvoll in die Bildkonzeption mit einbezogen. Die alltägliche holländische Flachlandschaft diente Rembrandt so auch als Experimentierfeld für künstlerische Fragen wie Komposition, räumliche Tiefe, Licht und Atmosphäre.
Rahmenaußenmaß 35,4 × 47 × 2,9 cm
Rembrandt hat in dieser Zeichnung die seinerzeit durchaus beliebte, am Ufer der Amstel gelegene Gaststätte "Het Molentje" (die kleine Mühle) dargestellt. Die Verbindung aus Sparsamkeit und Suggestivität - ein Hauptmerkmal seiner Zeichnungen der späten1650er-Jahre - zeigt sich hier auf exemplarische Weise. Parallel zur Bildfläche gliederte Rembrandt die Komposition in vier Raumschichten, die sich subtil voneinander abheben. In der unteren Ebene vermischte er die braune Lavierung mit der weißen Deckfarbe, wodurch ein dumpfer, erdiger Ton entstand. Mit lang gezogenen, horizontalen Pinselstrichen betonte er die fließende Bewegung des Wassers, wobei vereinzelte Streifen in weißer Deckfarbe einen leuchtenden Schimmer vermitteln. In schlichten, teilweise übereinander geschobenen Formen präsentieren sich das Segelboot, die Mühle und die Häuser. Dieser Bereich wird von den hellbraunen Lavierungen teilweise umschrieben.
Die räumlichen Nuancen kamen vor allem durch die differenzierte Anwendung der Rohrfeder zustande. Die vordere Uferpartie wird durch abwechselnd breite, satte Striche und feinste, fast verschwindende Linien markiert. Die Formen der Boote, der Mühle und der Häuser werden durch die unterschiedlich akzentuierten Umrisse räumlich voneinander getrennt, wobei ihre Tonwerte deutlich hervortreten. Einen fast magischen Anziehungspunkt bildet in diesem Bereich das kleine, helle Rechteck, das - gelagert zwischen Mühle und Häusern - als einzige Stelle der Zeichnung den Papierton ganz frei lässt: ein kleiner Lichtpunkt innerhalb der dunstigen Atmosphäre.
Die breite, summarische und gleichzeitig subtil differenzierte Strichart dieser Zeichnung hat zu deren Datierung in die zweite Hälfte der 1650er-Jahre geführt. Die kompositorisch verwandte, in Cambridge befindliche Zeichnung "Het Molentje" (Benesch 1973, Bd. 6, Nr. 1353), die mit ihren durchwegs gleichmäßig verlaufende Federlinien einen ganz anderen Zeichenstil aufweist, ist vermutlich um einige Jahre früher entstanden als das hier gezeigte Blatt. Die Landschaftszeichnungen von Rembrandt sind zeitlich allerdings schwer einzuordnen, so dass auch in diesem Fall keine endgültige Sicherheit gegeben ist.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 78, S. 172.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/29735/blick-auf-die-amstel-und-het-molentjeImage Request