Rembrandt Harmensz. van Rijn, Blick auf die Amstel und "Het Molentje", Inv. Nr.: 8870
Blick auf die Amstel und "Het Molentje"
Rembrandt Harmensz. van Rijn, Blick auf die Amstel und "Het Molentje", Inv. Nr.: 8870
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Blick auf die Amstel und "Het Molentje"

Rembrandt Harmensz. van Rijn

späte 1650er-Jahre




In Rembrandts zeichnerischem Werk nehmen Landschaften einen wichtigen Platz ein. Er muss in den späten 1640er-Jahren häufig mit Skizzenbüchern bewaffnet durch seine Heimatstadt Amsterdam und in deren unmittelbare Umgebung gewandert sein. Die mit wenigen Strichen skizzierten Örtlichkeiten sind zumeist topografisch bestimmbar: Es sind keine berühmten Plätze oder Sehenswürdigkeiten, sondern eher unspektakuläre Gegenden. Die Skizzen bezaubern gerade durch ihre Schlichtheit und die Unmittelbarkeit des Natureindrucks. Das Gesehene ist rasch und in groben Zügen festgehalten, ohne zu viel Augenmerk auf Details, die weiße Papierfläche effektvoll in die Bildkonzeption mit einbezogen. Die alltägliche holländische Flachlandschaft diente Rembrandt so auch als Experimentierfeld für künstlerische Fragen wie Komposition, räumliche Tiefe, Licht und Atmosphäre.



Künstler:in (Leiden 1606 - 1669 Amsterdam)
Datespäte 1650er-Jahre
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder und Pinsel in Braun, weiße Deckfarbe
Dimensions9,6 × 21,3 cm
Rahmenaußenmaß 35,4 × 47 × 2,9 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number8870
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
Text

Rembrandt hat in dieser Zeichnung die seinerzeit durchaus beliebte, am Ufer der Amstel gelegene Gaststätte "Het Molentje" (die kleine Mühle) dargestellt. Die Verbindung aus Sparsamkeit und Suggestivität - ein Hauptmerkmal seiner Zeichnungen der späten1650er-Jahre - zeigt sich hier auf exemplarische Weise. Parallel zur Bildfläche gliederte Rembrandt die Komposition in vier Raumschichten, die sich subtil voneinander abheben. In der unteren Ebene vermischte er die braune Lavierung mit der weißen Deckfarbe, wodurch ein dumpfer, erdiger Ton entstand. Mit lang gezogenen, horizontalen Pinselstrichen betonte er die fließende Bewegung des Wassers, wobei vereinzelte Streifen in weißer Deckfarbe einen leuchtenden Schimmer vermitteln. In schlichten, teilweise übereinander geschobenen Formen präsentieren sich das Segelboot, die Mühle und die Häuser. Dieser Bereich wird von den hellbraunen Lavierungen teilweise umschrieben.  
Die räumlichen Nuancen kamen vor allem durch die differenzierte Anwendung der Rohrfeder zustande. Die vordere Uferpartie wird durch abwechselnd breite, satte Striche und feinste, fast verschwindende Linien markiert. Die Formen der Boote, der Mühle und der Häuser werden durch die unterschiedlich akzentuierten Umrisse räumlich voneinander getrennt, wobei ihre Tonwerte deutlich hervortreten. Einen fast magischen Anziehungspunkt bildet in diesem Bereich das kleine, helle Rechteck, das - gelagert zwischen Mühle und Häusern - als einzige Stelle der Zeichnung den Papierton ganz frei lässt: ein kleiner Lichtpunkt innerhalb der dunstigen Atmosphäre.
Die breite, summarische und gleichzeitig subtil differenzierte Strichart dieser Zeichnung hat zu deren Datierung in die zweite Hälfte der 1650er-Jahre geführt. Die kompositorisch verwandte, in Cambridge befindliche Zeichnung "Het Molentje" (Benesch 1973, Bd. 6, Nr. 1353), die mit ihren durchwegs gleichmäßig verlaufende Federlinien einen ganz anderen Zeichenstil aufweist, ist vermutlich um einige Jahre früher entstanden als das hier gezeigte Blatt. Die Landschaftszeichnungen von Rembrandt sind zeitlich allerdings schwer einzuordnen, so dass  auch in diesem Fall keine endgültige Sicherheit gegeben ist.  

Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 78, S. 172.

Catalogue raisonné
  • Benesch 1954-1957, Bd. 6, Nr. 1354, Abb. 1588
  • Benesch 1973, Bd. 6, Nr. 1354, Abb. 1668
  • Bibliography
  • Lugt 1920, S. 98-101
  • AK Amsterdam 1935, Nr.85
  • AK Albertina 1936, Nr. 42
  • Benesch 1947, Nr. 228
  • AK Paris 1950, Nr. 124
  • AK Stockholm 1956, Nr. 143
  • AK Albertina 1956, Nr. 110
  • AK Rotterdam/Amsterdam 1956, Nr.195
  • Benesch 1964, Nr. 53, Abb.
  • AK Albertina 1969/70, Nr. 53
  • AK Dresden 1978/ Wien 1978, Nr.96
  • AK Washington 1990, Nr. 71, Abb.
  • A.K. Die Landschaft im Jahrhundert Rembrandts, hg. von M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 1993, Nr. 49
  • A.K. Drawings from the Albertina. Landscape in the Age of Rembrandt, bearb. von M. Bisanz-Prakken, The Drawing Center, New York
  • Kimbell Art Museum, Fort Worth, 1995, Nr. 41
  • A.K. Landscapes of Rembrandt. His Favourite Walks, bearb. von B. Bakker u.a., Gemeentearchief Amsterdam
  • Institut Néerlandais, Paris, 1998/99, S. 276 f., Abb. 5
  • A.K. Rembrandt, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, A.K. Rembrandt, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien 2004, Nr. 164
  • A.K. Rembrandt and his time. Masterworks from the Albertina (Vienna), Milwaukee 2005, Nr. 36
  • A.K. Das Zeitalter Rembrandts, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Nr. 78 (M. Bisanz-Prakken)
  • Jolanta Talbierska, Old Master Drawings from the 15th Century to the 1820s. Netherlandish, Flemish and Dutch Schools, Warszawa 2019, sub Nr. 134, S. 289-293, hier S. 290, Fn. 797 (stilistischer Vergleich mit Warschauer lavierter Federzeichnung, University of Warsaw Library, Print Room, Inv. 7567).
  • Provenance
  • Kaiserliche Hofbibliothek
  • Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/29735/blick-auf-die-amstel-und-het-molentjeImage Request
    Last edited28.03.2025