Flusslandschaft im Mondlicht
Aert van der Neer d. Ä.
1650er-Jahre
Über die künstlerischen Anfänge von Aert van der Neer sind praktisch keine Informationen vorhanden. Seine frühesten Landschaften (ab 1632) wurden offensichtlich vom bunt erzählenden Stil der flämischen Künstler inspiriert; später setzte sich der Einfluss des Realismus von Künstlern wie #Esaias van de Velde oder #Pieter de Molyn immer mehr durch. Neben seiner Tätigkeit als Maler führte van der Neer ab etwa 1660 zusammen mit seinem Sohn Johannes ein Wirtshaus in Amsterdam.
Von Aert van der Neer sind Hunderte von - größtenteils undatierten - Gemälden bekannt; sehr beliebt waren seine Winter- und Nachtlandschaften. Unter den vielen niederländischen Künstlern, die sich im 17. Jahrhundert mit der Thematik der abendlichen oder nächtlichen Landschaft befasst haben, war er zweifellos der bedeutendste. Van der Neer folgte einer längeren Tradition: In der Kunst des 16. und frühen 17. Jahrhunderts ist das Thema der Nacht zumeist noch in einem religiösen, mythologischen oder allegorischen Zusammenhang anzutreffen. Von großer Wirkung waren die nächtlichen Landschaften #Adam Elsheimers, deren geheimnisvolle Lichteffekte vor allem auf Rembrandt einen besonderen Einfluss ausübten. Bemerkenswert ist, dass van der Neer vor allem von den Nachtlandschaften der heute weitgehend unbekannten Maler #Raphael und #Jochem Camphuysen angeregt wurde.
Im Gegensatz zur großen Anzahl seiner Gemälde kennen wir von van der Neer nur zwölf Zeichnungen, von denen sich zwei in der Albertina befinden (Inv. 8385, 9095). Die hauptsächlich mit dem Pinsel ausgeführten, schwer zu datierenden Blätter scheinen in den 1640er- und 1650er-Jahren als autonome Werke entstanden zu sein. Drei dieser außergewöhnlichen Arbeiten - darunter das hier gezeigte Blatt - weisen ein authentisches Monogramm auf, was darauf hindeuten könnte, dass sie für Sammler gemacht wurden.
Ohne die Bäume, die Häuser und das Boot genau zu definieren, vermittelt der Künstler in der "Flusslandschaft im Mondlicht" einen suggestiven Eindruck der manchmal transparent erscheinenden Silhouetten. Die breit angelegte Landschaft wird abwechselnd zügig locker oder kurz strichelnd strukturiert, wobei eine intensive Tiefenwirkung entsteht. Der blaue Papierton, die braune Tinte und die weiße Kreide für den Mondschein und dessen Spiegelungen bewirken eine tonale Einheit, in der das Licht alles verbindet. Das zweite Beispiel einer Zeichnung auf blauem Papier befindet sich in Paris (Fondation Custodia, Sammlung Lugt); diese etwas größere und detailliertere Nachtlandschaft wird vom Vollmond beleuchtet. In der Albertina-Zeichnung dagegen schimmert das Mondlicht nur an einzelnen Stellen durch die dichte Wolkendecke hindurch, zugunsten eines höchst atmosphärischen Gesamteindrucks. Kein anderer niederländischer Künstler des 17. Jahrhunderts setzte die Grundfarbe Blau als Faktor für Stimmung und Atmosphäre so überzeugend ein wie Aert van der Neer.
Marian Bisanz-Prakken, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 91.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/29960/flusslandschaft-im-mondlichtImage Request