Mädchenakt mit verschränkten Armen
Egon Schiele
1910
Mit Beginn des Jahres 1910 wird der Akt das neben dem Selbstporträt wichtigste Motiv Egon Schieles. In einer Reihe von Akten wird sein Durchbruch zum Expressionismus deutlich.
Der Mädchenakt mit verschränkten Armen ist der wohl drastischste Akt dieser Periode: Die koloristische Übersteigerung, die drastische Nacktheit, die radikale Fragmentierung der Armstümpfe und das spannungsreiche Gegeneinander von konkaven und konvexen Kurvaturen lassen erstmals einen von Klimt und dem Jugendstil unabhängigen Künstler erkennen.
Rahmenaußenmaß 66,9 × 49,1 × 3,4 cm
Egon Schiele gründet bereits 1909, mit 19 Jahren, aus Protest gegen die traditionelle Ausbildung der Wiener Akademie mit einigen Freunden die Neukunstgruppe, deren Mitglieder unabhängig vom Gelernten nur aus sich selbst heraus künstlerisch schaffen wollen.
Der eigentliche Durchbruch zum Expressionismus erfolgt jedoch erst mit der Serie von fünf Einzelakten, die Schiele im Auftrag von #Josef Hoffmann für die Internationale Jagdausstellung in Wien im Frühjahr 1910 gemalt hat. Die innere Entwicklung dieser Serie belegt Schieles ureigenstes Interesse an der existenzialistischen Analyse des allein auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen. Ab nun sollte der Akt das neben dem Selbstporträt wichtigste Motiv Egon Schieles werden.
Das Modell des Mädchenaktes zeigt Gertrude Schiele (1894-1981), Egons Schwester, die der Künstler liebevoll "Gerti" nennt. Sie ist vor allem 1909/10 sein bevorzugtes Modell: eine Tatsache, die mit dem Moralkodex der Zeit nur schwer vereinbar war. Im Alter von 16 Jahren wird Gerti Mannequin bei der "Wiener Werkstätte". 1914 heiratet sie Schieles Akademiefreund #Anton Peschka.
Bereits in den grellfarbigen Aquarellstudien zu diesen dekorativen Panneaus verbindet sich die Grundlage der Sezessionskunst, die Betonung eines durchgezogenen, sanft schwingenden Lineaments, mit einem Realismus, der wohl Resultat von Schieles akademischer Ausbildung ist. Mit großer Präzision hält Schiele Überschneidungen und perspektivische Verkürzungen fest. Die anatomische Richtigkeit ist trotz aller artifiziellen Überlängung der Gestalt ein Prinzip, das Schiele nie aufgeben wird.
Umso überraschender ist die Kühnheit, mit der sich Schieles Kolorit vom Naturvorbild löst.
Das Aquarell ist unmittelbar vor dem Modell entstanden; eine Brunnenfigur #George Minnes von 1898 ist für die Haltung wie für den ausgezehrten, in die Länge gestreckten Körper das Vorbild.
In diesem drastischsten aller Frauenakte dieser Zeit erkennt man in der sanft ondulierenden Umrisslinie im Bereich der Hüfte noch #Klimts Einfluss von dessen Studien zum "Beethovenfries". Auch die Untersicht leitet sich wohl von Klimt ab. Die koloristischen Übersteigerungen, die drastische Nacktheit der Schamlippen, die krasse Fragmentierung der Armstümpfe und das spannungsreiche Gegeneinander von konkaven und konvexen Kurvaturen lässt Schiele in diesem frühen Hauptwerk jedoch als von Klimt weitestgehend unabhängigen Künstler erkennen.
Erstmals verankert Schiele den Inhalt - das Ausgesetztsein des Menschen - in der Form. Es ist die Linie, die durch die Aktivierung der negativen Außenfläche auf den Körper eindrängende Kräfte veranschaulicht, den Körper auf ein Existenzminimum zusammenpresst und erstarren lässt. Der Verzicht auf die Darstellung der Umgebung des Aktes, eines wie auch immer möblierten Innenraums, unterstreicht die existenzialistische Deutung des Körpers.
Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 210.
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