Sitzende junge Frau
Govaert Flinck
um 1645
Govaert Flinck ging um 1630 in Leeuwarden bei #Lambert Jacobsz. in die Lehre und zog mit seinem älteren Mitschüler #Jacob Backer am Anfang der 1630er-Jahre nach Amsterdam, wo beide bei #Rembrandt studierten. Nach 1642 ließ bei Flinck der Einfluss des berühmten Lehrmeisters nach; er malte und zeichnete zunehmend in einem flämisch orientierten Stil, der vom Adel- und Patriziertum bevorzugt wurde. Erfolgreich war er vor allem als Porträtmaler, er schuf aber auch Historienbilder, Allegorien und Genredarstellungen. Aufgrund seines frühen Todes blieb sein wichtigster Auftrag - der Gemäldezyklus der batavischen Geschichte für das Amsterdamer Rathaus - unvollendet.
Von Flinck sind heute um 120 Zeichnungen bekannt. Herausragend ist eine Gruppe von etwa 50 Figurenstudien, die mit schwarzer und weißer Kreide auf blauem Papier ausgeführt wurden; in dieser Technik - die bei Rembrandt nicht vorkommt - arbeitete auch Jacob Backer. Vor allem bei den Aktzeichnungen werden die Hände von Backer und Flinck häufig verwechselt.
Zu den unzweifelhaften Arbeiten von Flinck gehört die ausgestellte, signierte Zeichnung einer sitzende Frau, deren Hände auf ihrem Schoß ruhen; trotz der fehlenden Andeutung einer konkreten Tätigkeit ist das Modell so dargestellt, als wenn es konzentriert mit einer feinen Nadelarbeit beschäftigt wäre. Obwohl Flincks Figurenstudien oft mit seinen Gemälden zusammenhängen, ist in unserem Fall kein entsprechendes Beispiel bekannt. Die stilistische Nähe dieser Arbeit zu einer weiteren, um 1645 datierbaren Figurenstudie des Künstlers führte zu der Annahme, dass unsere Zeichnung aus der gleichen Zeit stammt. Mit sparsamen Mitteln arbeitete Flinck behutsam die verschiedenen Oberflächenwerte heraus: den schweren Stoff des Kleides, das leuchtende Weiß des Kragens sowie die weichen Haut- und Haarpartien. Charakteristisch für diesen Künstler sind die kräftig und etwas eckig markierten Falten der Bekleidung. Im Fokus der Darstellung steht der konzentrierte Gesichtsausdruck der Frau, deren Blick auf die ruhenden (oder vielleicht tätigen) Hände gerichtet ist. Werner Sumowski betont die "außergewöhnlich hohe Qualität" der Albertina-Zeichnung.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 83, S. 184.
