Egon Schiele, Die schlafende Mutter des Künstlers, Inv. Nr.: 31020
Die schlafende Mutter des Künstlers
Egon Schiele, Die schlafende Mutter des Künstlers, Inv. Nr.: 31020
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Die schlafende Mutter des Künstlers

Egon Schiele

1911




Die schlafende Mutter des Künstlers ist als Querformat die realistische Darstellung einer Liegenden: Die Mutter ruht auf einer Couch, den Kopf leicht erhöht auf einem Kissen abgestützt. Wie Schiele die Signatur platziert hat, legt jedoch eine Orientierung der Zeichnung als Hochformat nahe. Aus dem Schlaf wird damit plötzlich ein traumähnlicher Schwebezustand, der die Gravitationskraft aufhebt. Die Banalität einer realistischen Komposition wird erst durch die der Signatur folgenden Drehung des Blatts zu einer für Schiele so typischen asymmetrischen Komposition. Was im Querformat hinter der Mutter ein Wandbehang ist, wird im Hochformat zum räumlich nicht fixierbaren Muster. Erst im Hochformat entsteht der Eindruck der existentiellen Ortlosigkeit, wird die Gravitation außer Kraft gesetzt. Die daraus resultierende Mehrdeutigkeit ist kohärent mit Schieles Freiheit im Umgang mit dem Naturvorbild.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1911
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell, Deckweiß auf braunem Packpapier
Dimensions45 × 31,8 cm
Rahmenaußenmaß 68,7 × 55,1 × 3,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number31020
Signedr.o. "EGON / SCHIELE / 1911."
MarkingsArthur Rössler Stempel auf der Rückseite, nicht verifizierbar
Text
Die im Schlaf geschlossenen Augen können im Sinne einer "ostentativen Blickverweigerung als Negativ-Form der Betrachteransprache ..." gedeutet werden (Müller-Tamm 1995, S. 20).  Diese Augen, die nur mit ihren eigenen Träumen beschäftigt sind, nicht mehr aus dem Bild reichen, stellen bei Schiele eine radikale "Form der Blickleitung"  dar (ebd.).

Schiele lenkt die Rezeption und fixiert den Betrachter im Akt des Beobachtens. Die Reihe an scheinbar durch Schlaf oder Trance entrückten Frauenzeichnungen von 1911 geht einher mit der für dieses Jahr charakteristischen Verortung der Figuren; ihre sonst in Schieles Werk kaum vorkommende Einbettung in ein räumlich-gegenständlich definiertes Umfeld.

Die "Schlafende Mutter" Schieles ist als Querformat eine realistische Darstellung einer Liegenden. Die Mutter ruht auf einer Couch, den Kopf hat sie leicht erhöht auf einem Kissen abgestützt. Die Signatur legt jedoch eine Orientierung der Zeichnung als Hochformat nahe. Aus dem Schlaf wird damit schlagartig ein traumähnlicher Schwebezustand, der die Gravitationskraft aufhebt. Die Banalität der realistischen Komposition mit der Fülle der Motive in der unteren Blatthälfte wird erst durch die der Signatur folgenden Drehung des Blatts zu einer für Schiele so typischen asymmetrischen Komposition. Was im Querformat hinter der Mutter ein Wandbehang ist, wird im Hochformat zum räumlich nicht fixierbaren Muster. Erst im Hochformat entsteht der Eindruck der existentiellen Ortlosigkeit. Erst im Hochformat wird die Gravitation außer Kraft gesetzt. Die daraus resultierende Mehrdeutigkeit ist kohärent zu Schieles Freiheit im Umgang mit dem Naturvorbild.
#Erwin Mitsch bevorzugt meist #Rudolf Leopolds Deutung der Signatur als reines Dekorationselement, das nichts über die vom Künstler intendierte Blattorientierung besagt. Mit #Pia Müller-Tamm neigen wir zu der Ansicht, dass die "konsequente Lesart der Zeichnungen nach Maßgabe der Signatur"  der Schieleschen Intention entspricht (Müller-Tamm 1995, S. 36).

gekürzt aus: Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 166-168.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 865
  • Bibliography
  • Benesch o. J., Tafel 9
  • AK Albertina 1948, Nr. 95
  • Roessler 1948, nach S. 81
  • AK Zürich 1958, Nr. 52
  • AK Albertina 1959 a, Nr. 55
  • AK Albertina 1968, Nr. 173, Abb.
  • Comini 1974, Tafel 68
  • Mitsch 1974, Tafel 26
  • AK München 1975, Nr. 131, Abb.
  • Nebehay 1979, Abb. 12
  • Malafarina 1982, Nr. D 44
  • Nebehay 1989, Abb. 235
  • AK Albertina 1990, Nr. 73, Abb.
  • Knafo 1993, S. 98
  • Nebehay 1995, S. 53
  • AK Mailand 2000, S. 79, Abb.
  • Kallir 2003, S. 162
  • AK Albertina 2003/04 a, Nr. 98
  • AK Amsterdam 2005, S. 73, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 82
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 88
  • Provenance
  • 1950 erworben von Arthur Roessler (1877-1955), Wien

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    Last edited15.05.2025