Die Vermählung Mariens
Giovanni Giacomo Caraglio
Caraglios Stich der "Vermählung Mariens" gibt gleichsinnig eine modelloartig ausgeführte Zeichnung Parmigianinos in Chatsworth wieder, die die endgültige Fassung einer Reihe von Entwürfen zu diesem Thema ist (Auflistung bei Popham 1971, Nr. 692, Taf. 141; Gnann 1996 a, S. 360 ff.). Bereits J. Richardson d. J. hat das Blatt in einer Anmerkung in seinem "Traité de la peinture et de la Sculpture" (Amsterdam 1728) voller Bewunderung erwähnt: "Je n´ai jamais vu un dessein si capital & si excellent à la fois du Parm. si ce n´est celui du Mariage de St. Jos & M. (zit. nach Popham 1967, S. 56). Der Künstler hat die Trauungszeremonie in den Hintergrund gerückt, um vorne Propheten und Sibyllen Zeugen des Geschehens werden zu lassen. Durch die abrupte Abnahme der Figurengrößen und die starke perspektivische Verkürzung entsteht eine Sogwirkung, die durch die irrealen architektonischen Verhältnisse noch unterstrichen wird. Parmigianino schwächt diese Spannungen jedoch durch die gleiche Gewichtung beider Bildhälften und das helle Licht ab, das sich über die Figuren breitet und alle Gewänder in kostbarem Glanz erstrahlen lässt. Bei den beiden disputierenden Propheten dürfte sich Parmigianino an zwei Figuren in #Raphaels Teppich "Paulus predigt den Athenern" erinnert haben. Man hat jedoch seit langem bemerkt, dass die Komposition an #Rosso Fiorentinos 1523 datiertes "Sposalizio"-Bild in der Ginori Kapelle in San Lorenzo in Florenz anschließt (Antal 1928, S. 54; Franklin 1994, S. 109, Abb. 70), von dem die hufeisenförmige Anlage oder etwa die Posen der Sibylle links und des Freiers in der Bildmitte rechts abgeleitet sind. Parmigianino muss somit das Bild oder wahrscheinlicher Entwürfe dazu gekannt haben. Gegenüber den Radierungen der "Grablegung Christi" und dem "Martyrium der heiligen Paulus und die Verurteilung des heiligen Petrus" von 1524-1525 (Bartsch 1803-1821, Bd. 18, S. 300, Nr. 46; Bd. 15, S. 71 f., Nr. 8 ), in denen die Bewegungen schwerelos und bisweilen tänzelnd wirken und durch das Helldunkel schwungvoll ineinander gleiten, sind die Gestalten wesentlich plastischer, setzen sich markant voneinander ab und sind zugleich statischer. Man wird die Komposition von daher um 1525 datieren können, zumal sie noch nicht den dynamischen und kraftvoll bewegten Stil der "Anbetung der Hirten" und der "Hieronymusvison" zeigt (Bartsch 1803-1821, Bd. 16, S. 7, Nr. 3; London, British Museum, Inv. 1882-8-12-488), zu denen der Künstler um 1526 die Entwürfe schuf. Die "Vermählung Marias" entstand wohl zur gleichen Zeit wie die Kopie nach der "Schule von Athen" (Windsor, Royal Library), in der sich Parmigianino mit Raphaels klassischen Kompositionen in den Stanzen auseinandergesetzt hat. Im Stil engstens mit der "Vermählung Mariens" verwandt ist u. a. Parmigianinos Zeichnung mit einer "Darbringung im Tempel" in London (Popham, Nr. 218, Taf. 194), die eine Apsiskalotte schmücken sollte, wie aus dem Entwurf für eine Kapellendekoration in London hervorgeht (Popham 1971, Nr. 273, Taf. 193; Gould 1971, S. 71, Abb. 50). Auf diesem Entwurf ist ein schmales Altarbild mit gerundetem Abschluss umrisshaft angedeutet. Ich habe kürzlich versucht nachzuweisen (Gnann 1996 a), dass es sich dabei um ein Projekt Parmigianinos für die Dekoration der Cesi-Kapelle in Santa Maria della Pace handelt. Die "Vermählung Maria" sollte in dieser Kapelle als Altarbild aufgestellt werden. Die Gründe hierfür seien kurz zusammengefasst: Die Anlage der Kapelle auf Parmigianinos Londoner Entwurf zeigt eine Halbrundnische, die nicht die gesamte Wandfläche zwischen den seitlich angrenzenden Pilastern aushöhlt, sondern zu beiden Seiten Restflächen übrigbleiben lässt. Dies entspricht der ursprünglichen Form der Cesi-Kapelle vor ihrer Umgestaltung und ist sonst in keinem anderen römischen Kirchenbau mehr anzutreffen. Die Ausschmückung der Kapelle mit Stuckdekor, Malereien und dem Altarbild entsprechen der vertraglichen Vereinbarung mit Rosso (Frommel 1963, S. 147; Hirst 1964, S. 121), der allerdings nur die beiden Lünettenfresken im Obergaden malte, die in der Zeichnung nicht angedeutet sind. Die Cesi-Kapelle war der Santissima Annunziata geweiht, und auf dem Londoner Entwurf sind zwei Nischenfiguren zu sehen, die offensichtlich eine Verkündigungsgruppe darstellen. Da die Figur des Erzengels in der rechten, Maria aber in der linken Nische steht, ist auch verständlich, dass die Heilig-Geist-Taube auf Josefs blühendem Stab in der Vermählungsszene in die entgegengesetzte Richtung fliegt. Die Propheten und Sibyllen im Altarbild der "Vermählung Mariens" stehen in engem Bezug zu den beiden seitlichen Figuren der Verkündigung, da sie das Kommen Christi voraussagen. Das marianische Programm wird durch die "Darbringung im Tempel" in der Apsiskalotte ergänzt. Die auf der rechten Seite des Londoner Blattes hinter einer Brüstung im Dunkeln betende Frau könnte dabei Francesca Cardoli Cesi, die Gemahlin des Kapellenstifters Angelo Cesi sein, die bereits im Jahre 1518 gestorben war und bei der Kapelle beigesetzt werden sollte. Allerdings wurden erst in der Mitte der vierziger Jahre die Grabmäler der beiden Eheleute errichtet.
Nachdem man anfänglich Rosso mit der Dekoration der Kapelle betraut hatte, aber mit dessen Arbeit unzufrieden war, wandte man sich wohl um 1525 an Parmigianino, da dieser im Unterschied zu Rosso, der sich an #Michelangelo orientierte, den Stil Raphaels weiterführte. Rosso scheint dabei Parmigianino bereitwillig seine Entwürfe zur Kapellendekoration und zu dem Altarbild der Vermählung Mariens gezeigt zu haben. Schließlich kam es aber nicht zu der Ausführung von Parmigianinos Projekten, und man entschloss sich wenig später zu der architektonischen Umgestaltung der Kapelle. So bleiben uns von Parmigianino nur die einzelnen Entwürfe und Caraglios schöner Stich von ca. 1525 nach dem Altarbildentwurf.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 267, S. 356-357.
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