Knabe mit Turban, hinter einem Sessel stehend
Gerbrand van den Eeckhout
Mitte der 1650er-Jahre
Gerbrand van den Eeckhout war der Sohn des Goldschmiedes Jan Pietersz. van den Eeckhout (1584-1652). Zwischen 1635 und 1640 war er Schüler von #Rembrandt, dem er freundschaftlich verbunden blieb. Als vielseitig orientierter Künstler schuf er Historien- und Porträtgemälde sowie Landschaften, Genre- und Figurendarstellungen, aber auch Entwürfe für Ornamentstiche und Goldschmiedearbeiten.
Der Großteil des zeichnerischen Schaffens von Gerbrand van den Eeckhout besteht aus sorgfältig ausgeführten figurenreichen Darstellungen von biblischen und mythologischen Motiven. Diese Arbeiten zeugen von der technischen Vielseitigkeit des Künstlers und zeigen sich vor allem von Rembrandt, aber zum Teil auch von dessen Lehrmeister, dem Historienmaler #Pieter Lastman, beeinflusst.
Eine ganz eigene Bedeutung in van den Eeckhouts zeichnerischem Œuvre kommt eine kleine Gruppe von Figurendarstellungen zu, zu der auch die hier präsentierte Studie eines mit einem Turban kostümierten Knaben gehört. Charakteristisch für diese Zeichnungen ist die Art, in der der Künstler mit wenigen breiten Pinselstrichen die kräftig vom Licht modellierten Einzelgestalten wiedergibt. Vermutlich entstanden diese Blätter, die kein Datum aufweisen, um die Mitte der 1650er-Jahre. Hier wurden möglicherweise die Ratschläge wirksam, die Rembrandt seinen Schülern gab, über die wir allerdings nur aus zweiter Hand unterrichtet sind. Ihren didaktischen Niederschlag fanden diese Anweisungen 1678 in der "Einleitung in die Hohe Schule der Malerei" von #Samuel van Hoogstraten, einem der prominentesten Rembrandt-Schüler. Van Hoogstraten regt die Künstler dazu an, mit halb geschlossenen Augen auf ihr Modell zu blicken, um ablenkende Details zu vermeiden; mit lockeren Tupfen sollten die Schatten von Auge, Nase und Mund aufgetragen werden. In seiner ausschließlichen Verwendung des Pinsels wich van den Eeckhout allerdings von Rembrandt ab, der in seinen Helldunkelszenen von Interieurs nicht nur den Pinsel, sondern auch die Feder verwendete. Die extrem feien Pinselarbeiten van den Eeckhouts erwecken eher den Eindruck, im 18. und nicht im 17 Jahrhundert entstanden zu sein; so wurde ein Blatt dieser Gruppe sogar #Honoré Fragonard zugeschrieben. Die hier gezeigte, in sich geschlossene Darstellung eines Knaben galt bei ihrer Erwerbung durch Herzog Albert richtigerweise als eine Arbeit van den Eeckhouts. Bevor sie diesem Künstler wieder zurückgegeben wurde, hat sie aber vielfach den Namen gewechselt. Heute ist die Zeichnung aufgrund ihrer suggestiven Sparsamkeit zweifellos eines der eindrucksvollsten Beispiele der Gruppe.
Das Zeitalter Rembrandts, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien, Ostfildern 2009, Abb. 82, S. 182.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/30420/knabe-mit-turban-hinter-einem-sessel-stehendImage Request