Sonnenblumen
Egon Schiele
1911
In dem meisterhaften Sonnenblumenaquarell zeigt Schiele, wie weit er sich vom harten Stil des Vorjahres entfernt hat. In der traditionellen Aquarelltechnik des Nass-In-Nass-Malens charakterisiert er die noch frischen Blätter ebenso wie die vertrockneten, die jungen Blüten wie die reifen. Immer noch trennt Schiele jede Farbfläche von der benachbarten, darin folgt er genau der Bleistiftzeichnung. Innerhalb der Farbflächen jedes einzelnen Blattes jedoch zeigt sich mehr an Differenzierung durch diese von ihm neu verwendete Technik als in den Gouachen des späten Jahres 1910.
Das Aquarell über der Bleistiftvorzeichnung ist nach Mitsch (Mitsch 1990, Nr. 72) im Zusammenhang mit dem malerisch gleichen Gemälde der Österreichischen Galerie entstanden. Doch ist das Blatt der Albertina keine direkte Vorstudie dazu. Eine solche hat sich in Privatbesitz erhalten. Auf ihr stimmt die Stellung der einzelnen Blumen mit dem ausgeführten Gemälde überein; allerdings ist jenes Aquarell wesentlich schlanker komponiert, die Blumen sind räumlicher angelegt als auf dem Ölbild, zugleich streben sie in die Höhe, nicht in die Breite. Die dekorative Flächigkeit und die in die Breite gezogene Komposition des im Sommer 1911 entstandenen Gemäldes ist jedoch in Schieles Aquarell der Albertina bereits in nuce angelegt.
So nahe liegend es zu sein scheint, Schieles Interesse an Sonnenblumen mit der Vorbildhaftigkeit von #Van Goghs Inkunabeln zu erklären, so gering ist der Zusammenhang zwischen den beiden Werkgruppen, obwohl Schiele, wie seine Ansicht des Neulengbacher Schlafzimmers beweist, #Van Gogh bewundert und studiert hat.
Schiele zeigt in diesem meisterhaften Sonnenblumenaquarell, wie weit er sich vom harten Stil des Vorjahres entfernt hat. Nass in nass gemalt, charakterisiert er genau die noch frischen Blätter und die vertrockneten, die jungen Blüten wie die schweren reifen. Immer noch trennt Schiele jede Farbfläche von der benachbarten, darin folgt er genau der Bleistiftzeichnung. Allein innerhalb der Farbflächen jedes einzelnen Blattes trägt sich mehr an Differenzierung durch die klassische Nass-in-Nass-Technik des Aquarells zu, als in den Gouachen des späten Jahres 1910, als die Belebung der Flächen noch durch die alleinige Modulation mit dem Pinsel erfolgt ist.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 184.
