Schwarzgründig (Remix)
Georg Baselitz
2006
Rahmenaußenmaß 302 × 254 × 5 cm
2005 findet im Schaffen von Georg Baselitz eine Revolution statt, die jedoch, zumindest auf den ersten Blick, nichts Umstürzlerisches oder Reformatorisches hat, ganz im Gegenteil. Anstatt wie bisher vorwärts zu blicken, blickt Baselitz auf einmal zurück und greift Stoffe wieder auf, die er Jahrzehnte zuvor behandelt hat. Dies geschieht allerdings auf so frei skizzierende Art, dass das Motiv auf den ersten Blick oft kaum mehr erkennbar ist.
Warum diese „konservative Revolution“, der Baselitz den Namen Remix gab? „Ich will testen, ob ich es noch einmal schaffe, mich auf diese Höhen zu schwingen, auf denen ich mal war. Denn ich finde meine Bilder von damals noch heute ziemlich gut“, meinte 2006 der 68-Jährige.[1] Dass Baselitz gewisse Bildmotive wiederholt, ist an sich nichts Neues. Von den meisten Bildern gibt es gleich mehrere Versionen, und letztlich kreist sein gesamtes Schaffen unaufhörlich um dieselben Themen und Probleme. Die künstlerische Entwicklung von Baselitz verlaufe eben nicht linear, sondern spiralförmig, erklärt Carla Schulz-Hofmann – mit der Folge, dass es bei ihm keine qualitative Trennung in Früh- und Spätwerk gebe. „Wichtig erscheint vielmehr die nie zur Ruhe kommende Auseinandersetzung mit gleich bleibenden Grundproblemen vor dem Hintergrund veränderter äusserer Koordinaten.“[2]
Im vorliegenden Fall betrifft der Remix ein Thema, das Baselitz bereits im Laufe der sechziger Jahre vielfach abgewandelt hat: das Thema des „Helden“. Es sind dies Darstellungen von kräftigen jungen Männern mit grossen Händen und kleinen Köpfen, die vor zerstörten Landschaften stehen. Das genaue Vorbild heisst im vorliegenden Fall Der neue Typ und wurde 1965 gemalt. Das Besondere daran ist, dass der Held auf den gespreizten Händen Stigmata aufweist, die er uns wie ein Heiliger ostentativ entgegenhält.
Im Gegensatz zur Urfassung mutet der fünfzig Jahre später gemalte Remix viel harmloser an. Das warme Karminrot der Hose und die zarten Grau-, Blau- und Rosatöne im Hintergrund schaffen im Bild eine heitere, gelöste Stimmung, zu der auch die lockere, leichtfüssige Pinselschrift passt. Die Problematik des Urbilds scheint von jedem ideologischen Ballast befreit; das Frühere lebt nur noch in Form eines flüchtigen Reflexes im Gegenwärtigen weiter.
Noch freier verfährt Baselitz im Werk Grauer Himmel (Remix) (Inv. GE176DL) mit der entsprechenden Vorlage. Erst bei genauerem Hinschauen wird klar, dass es sich um das bekannte Bild Die Hand – Das brennende Haus handelt, das 1964-65 entstand. Dargestellt ist darauf ein ausgestreckter nackter Arm, der auf der Handfläche ein kleines brennendes Haus trägt. Im Gegensatz zur Vorlage ist der Arm aber nicht fleischfarben, sondern gelb, und der sternenübersäte schwarze Himmel reicht nur bis zum Arm. Ganz anders ist auch die Malweise. Das Bild ist so locker und schnell hingeworfen, dass eine Reproduktion eher auf ein Aquarell schließen lässt.
Offenbar besitzt dieses Bildmotiv für den Künstler eine so grosse Bedeutung, dass er davon eine ganze Reihe von Remix-Fassungen anfertigte – sowohl Bilder als auch grossformatige Aquarelle und Zeichnungen – wobei er, entgegen der Vorlage, die Arme gelegentlich spiegelbildlich verdoppelt, so dass sie wie siamesische Zwillinge an ihren Enden zusammengewachsen scheinen.[3]
[1] In einem Gespräch mit Carla Schulz-Hofmann, abgedruckt im Ausst.-Kat. Baselitz Remix, Pinaokothek der Moderne, München / Albertina, Wien, 2006-2007, S. 88.
[2] Im Ausst.-Kat. Baselitz Remix, Pinakothek der Moderne, München / Albertina, Wien, 2006-2007, S. 12.
[3] Einige dieser Fassungen sind abgebildet im Ausst.-Kat. Baselitz Remix, Pinaokothek der Moderne, München / Albertina, Wien, 2006-2007, S. 78-87.
R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.), R. & H. Batliner Art Foundation. Neuerwerbungen 2005-2011 (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2012), Vaduz 2012, S. 138, Kat. 6.
