Glas und Apfel
Pablo Picasso
1911
Keiner hat die Kunst des 20. Jahrhunderts so nachhaltig bestimmt wie Picasso. Sein Schaffen zeichnet sich entgegen dem Paradigma einer kontinuierlichen Entwicklung durch permanente Stilbrüche – Vorgriffe auf Neues, aber auch Rückgriffe auf bereits gefundene Zugänge – aus.
Das Gemälde Glas und Apfel ist im Frühjahr 1911 entstanden, kurz bevor Picasso vom analytischen zum synthetischen Kubismus übergeht. In stark abstrahierter und fragmentierter Form sind ein Trinkglas und ein Apfel auf einem runden Tisch mit Fransendecke wiedergegeben. Als Folge des Zerlegens und Neu-Zusammensetzens lässt sich der motivische Sachverhalt zumeist nur mühsam erschließen. Der Begriff „analytischer“ Kubismus bezieht sich auf die Vorstellung, dass der Künstler die von ihm gewählten Gegenstände aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, „analysiert“, die Formen aufsplittert, um dann signifikante kürzelhafte Teilfacetten in perspektivlose geometrische Räume einzubinden.
Picasso’s influence on the art of the twentieth century was more lasting than that of any other artist. Contrary to the paradigm of continuous development, his production was characterized by permanent changes in style: anticipations of something new, but also returns to already established approaches.
The painting Glass and Apple was painted in spring 1911, shortly before Picasso switched from Analytic to Synthetic Cubism. It renders a drinking glass and a circular table covered with a fringed cloth in a heavily abstracted and fragmented manner. As a consequence of the decomposition and recomposition of objects, it is mostly difficult for the beholder to decipher the motifs depicted. The term “Analytic Cubism” refers to the idea that the artist views the objects chosen by him from different vantage points and “analyses” their forms by splitting them up and subsequently inscribing relevant and abbreviated partial aspects in geometric spaces deprived of perspective.
Rahmenaußenmaß 40,5 × 30 × 5 cm
So klein das vorliegende Stillleben ist, es handelt sich, entwicklungsgeschichtlich gesehen, um ein exemplarisches Werk. Entstanden ist es im Frühjahr 1911, kurz bevor Picasso vom analytischen zum synthetischen Kubismus überging. Was es darstellt, ist nur schwer erkennbar. Wie der Titel andeutet, muss es sich um die Wiedergabe eines Trinkglases und eines Apfels handeln, allerdings in stark abstrahierter und fragmentierter Form. Die beiden Kurven links und rechts im unteren Bilddrittel stellen wohl den Rand eines kleinen runden Tisches dar, die drei Kordelstücke unten und oben eine Fransendecke. Interessant ist, dass der Apfel wie auf anderen Bildern jener Zeit nicht nur durch eine in stereometrische Fragmente zerlegte Kreisform angedeutet ist, sondern auch durch die explizite Darstellung des Fruchtstiels.
Die gedämpfte Farbigkeit des Bildes hat insgesamt etwas Grisaillehaftes, und weil sich die lichten Grau-und Ockertöne optisch sehr nahestehen, fällt das Erkennen der Gegenstände noch schwerer. Der kleine runde Tisch scheint nicht nur deshalb im Bildgrund aufzugehen, weil er in die gleiche Ebene gekippt ist wie dieser, sondern weil er auch die gleichen Farbtöne aufweist.
Daniel-Henry Kahnweiler, seit 1906 Picassos Händler und wichtigster Förderer der Kubisten, versuchte Picassos damaliges Kunstwollen so zu erläutern: «Die unbewusste Arbeit, die wir vor jedem Gegenstande der Körperwelt vornehmen müssen, um seine Form zu <erkennen>, um uns ein genaues Bild von ihm zu schaffen, erleichtert uns das kubistische Gemälde, indem es uns die Beziehungen dieses Körpers zu den Urformen [... ] vor Augen stellt. Wie ein Knochengerüst liegen dann beim endgültigen Sehergebnis des Gemäldes diese Formen dem Eindrucke des dargestellten Gegenstandes zugrunde, nicht mehr <gesehen>, aber die Grundlage der <gesehenen> Gestalt.»1
Auf einer Photographie aus dem Jahre 1911, die Picassos Atelier am Boulevard de Clichy festhält, ist interessanterweise der auf dem vorliegenden Bild dargestellte runde Tisch zu erkennen. Hier wie da liegt auf diesem Tisch eine Fransendecke, die bis über dessen Füsse reicht und so den Blick ganz auf die darauf stehenden Gegenstände lenkt. Später treten Tisch und Decke auch auf größeren Bildern Picassos auf, so auf dem ebenfalls 1911 gemalten Stilleben Guéridon, verre, tasse et mandoline (Privatbesitz London).
1 Daniel-Henry Kahnweiler, Der Weg zum Kubismus, 1914-1915, Stuttgart 1958, S, 85
