Interieur mit sechs Figuren
Oskar Schlemmer
um 1937
Rahmenaußenmaß 63,5 × 112,5 × 5 cm
1920 wurde der vielseitig begabte Oskar Schlemmer ans Bauhaus Weimar berufen, wo er mit seinen der menschlichen Figur verpflichteten Bildern und Reliefs einen wichtigen Gegenpol zu den dort vorherrschenden abstrakten Tendenzen bildete. Das Hauptthema in seinem Schaffen war die «Figur im Raum»; immer wieder stellte Schlemmer stark stilisierte Körper von jungen Männern dar, die wie in der Antike den Idealtypus menschlicher Schönheit verkörpern sollten. In diese Werkgruppe gehört auch die grosse männliche Aktfigur (Inv. GE115DLv), die auf der Rückseite des „Interieurs mit sechs Figuren“ angebracht ist. Kein Zweifel, dass der Akt eine frühe Studie zu einem mehrteiligen Wandbild ist, das einst mit dem Jünglings-Brunnen von Georges Minne die runde Eingangshalle des Folkwang Museums in Hagen schmückte. Diese acht Figurenbilder, die 1930 fertiggestellt waren, wurden im Zweiten Weltkrieg leider zerstört.1
Auf die Rückseite der großen Figurenstudie malte Schlemmer rund zehn Jahre später ein querformatiges Bild, das sechs Figuren in einem Raum darstellt. Es bezieht sich unverkennbar auf ein bereits 1928 entstandenes Bild, das den Titel Fünf Figuren im Raum hat. Dargestellt ist dort wohl eine Hommage an den Freund und Lehrer Otto Meyer-Amden, mit dem Schlemmer seit seiner Stuttgarter Ausbildungszeit eng verbunden war. Mit der dozierenden Figur auf der Liege sei niemand anderer als dieser Schweizer Freund gemeint, schreibt Rudolf Koella, und die im Fenster erscheinende blaue Bergsilhouette könne nur die Gegend von Amden darstellen, wo der Künstlerfreund damals lebte und arbeitete.2 Um eine eigentliche Kopie des Winterthurer Bildes handelt es sich freilich nicht. Das Werk basiert vielmehr auf einer viel breiter angelegten fünffigurigen Komposition aus der gleichen Zeit, die sich nur als Aquarellstudie (Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm) erhalten hat. Dort liegt auf der Liege nicht ein Mann, sondern eine Frau, und auch vor dem Fenster erscheint hoch aufgerichtet eine weibliche Gestalt. Völlig anders ist auch die malerische Behandlung des Bildes: Weil Schlemmer die trockene Ölfarbe nachträglich mit Bimsstein teilweise wieder abrieb, erzielte er eine Oberflächenstruktur, die ganz bewusst an ein Fresko erinnern sollte.
1 Vgl. Ausst.-Kat. Oskar Schlemmer: Der Folkwang-Zyklus, Malerei um 1930, Staatsgalerie Stuttgart/Folkwang Museum Essen 1993-1994. - Ähnliche Figuren wie auf diesen Wandbildern sind abgebildet bei: Karin von Maur, Oskar Schlemmer: Oeuvrekatalog der Gemälde, Aquarelle, Pastelle und Plastiken, Band 2, München 1979, Nrn. 173, 188, 190.
2 Vgl. Rudolf Koella, Ein Engel geht durch den Raum. Zum Bild «Fünf Figuren im Raum»; In: Grenzbereiche der Architektur. Festschrift
Adolf Reinle, Basel 1985, S. 125 ff.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 276, Nr. 198.
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