Komposition mit Violine
Juan Gris
1915
Rahmenaußenmaß (DLR-DL309): 40,3 × 31,2 × 4,5 cm
Nach einer Ausbildung an der Escuela de Artes e Industrias in Madrid von 1902 bis 1904 begann José Gonzáles Pérez, der sich ab 1905 Juan Gris nannte, als Buchillustrator und nach seiner Übersiedlung nach Paris im September 1906 auch als Karikaturist zu arbeiten. Die Nachbarschaft mit #Picasso am Montmartre, wo er 1908 in das "Bateau lavoir" der rue Ravignan 13 einzog, führte Gris zum Entschluss, Avantgarde-Maler zu werden. Sein Gemälde "Hommage à Pablo Picasso", das 1912 im Salon des Indépendants ausgestellt wurde (Chicago Art Institute), zeigt, dass im Unterschied zu seinem großen Vorbild nicht die Analyse von Gegenständen in ihrer Beziehung zum realen Raum, sondern ein konzeptuelles Moment im Vordergrund steht: Es geht dabei um nicht mehr und nicht weniger als um die perfekte Bildkonstruktion auf der Basis des kubistischen Verfahrens im Rahmen geometrisch festgelegter Idealproportionen. Folgerichtig nahm Gris auch an der Ausstellung der Section d'or 1913 teil, was seine Anerkennung als einer der führenden kubistischen Künstler zur Folge hatte.
Bezeichnend für seine Bewunderung für Picasso ist, dass Gris trotz seiner Nähe zu den Meistern der Section d'or ausgiebig Gebrauch vom Materialrealismus der Collage machte bzw. Kombinationen aus bedruckten Flächen mit gezeichneten Trompe l'Œil-Elementen ab 1913 als Hauptträger seiner höchst ausgewogenen Kompositionen fungierten. So auch in der vorliegenden "Komposition mit Violine", die im Auftrag von #Pierre Reverdy als Buchdeckel für eine der sechs Sonderausgaben für dessen "Poèmes en prose" entstand (Felix Billeter in: Koella und Billeter 2005, S. 182). Ebenso souverän wie in seinen gleichzeitigen Gemälden ist der Einsatz von aufgeklebten Papieren (papiers collés). Sie sind sowohl mit einem Holztapetenmuster als auch von Tupfenreihen überzogen, die jeglichen Illusionismus negieren. Zum kompositionellen Aufbau verwendet der Künstler geometrisierende Grundformen, die sich schichtartig überlagern. Sie nehmen jene Muster nur zum Teil in sich auf und geben zum Teil den Blick auf scheinbare Vorzeichnungen über einer Grundierung frei. So entsteht im Auge des Betrachters eine unendliche Zahl möglicher Raum- und Gegenstandsbeziehungen. Die Kompliziertheit der innerbildlichen Verhältnisse wird durch die ausgewogene Disposition übergreifender Formen und ihre Verschränkung durch subtile Details zu einem Meisterwerk des synthetischen Kubismus.
Marietta Mautner Markhof, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 194.
Im Gegensatz zu seinen französischen Kollegen wurde der Spanier Juan Gris im August 1914 nicht zum Kriegsdienst eingezogen. Seine finanzielle Situation in seiner Wahlheimat Paris, wo er seit 1906 lebte, wurde nun aber sehr prekär. Die amerikanische Schriftstellerin Gertrude Stein, die sich sehr um den Künstler bemühte, schrieb in ihrer Autobiographie: «Juan war damals ein geplagter und kein besonders sympathischer Mensch. Er war sehr melancholisch und unausgeglichen und wie immer sehr intellektuell und klarblickend. Er malte in jenen Tagen fast ausschließlich schwarzweiß, und seine Bilder waren sehr düster. Kahnweiler, der ihm so freundschaftlich beigestanden hatte, lebte in der Schweiz im Exil, und Juans Schwester in Spanien konnte ihm auch nicht sehr helfen. Seine Lage war wirklich sehr verzweifelt.»l
Umso mehr muss sich Gris gefreut haben, als ihm Pierre Reverdy 1915 den Auftrag erteilte, ein paar Buchumschläge zu gestalten. Der aus Narbonne stammende junge Dichter (1889-1960), der unter dem Titel Poèmes en prose seinen ersten Gedichtband herausbringen wollte, beabsichtigte, ein paar Vorzugsausgaben mit Originalbildern zu schmücken, die nicht wie üblich in das Buch eingelegt, sondern auf den Deckel geklebt werden sollten. Die Gestaltung der ersten drei Exemplare überließ er Juan Gris, drei weitere führte dessen Freund Henri Laurens aus.
Das vorliegende Umschlagbild ist das zweite und offenbar das einzige, das noch nicht von seinem Träger, dem Buch, gelöst worden ist.2 Trotz den bescheidenen Dimensionen zeichnet es sich durch höchste gestalterische Qualität aus. Wie auf vielen weiteren Bildern von Gris aus jener Schaffenszeit ist ein Stillleben mit einem Musikinstrument dargestellt, nur dass hier anstelle von Musiknoten oder eines Zeitungsblattes der Buchtitel erscheint. Technisch gesehen handelt es sich um eine Bleistiftzeichnung, die auf verschieden eingefärbte Collageelemente aufgetragen und hernach auf den hellen Umschlag geklebt wurde. Zur hohen Qualität der Zeichnung trägt nicht zuletzt «jene unbedingte Genauigkeit» bei, die schon Gertrude Stein an Gris' Arbeitsweise hervorhob und die bewirkt, dass von diesem Kleinformat eine fast monumentale Wirkung ausgeht.
1 Gertrude Stein, Autobiographie von Alice B. Toklas, Hamburg 1993, S.187.
2 Vgl. Ausst.-Kat. Collection André Lefèvre, Musée national d'art moderne, Paris 1964, Nr. 284.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 182, Nr. 85.
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