Innerer Bund
Wassily Kandinsky
1929
Rahmenaußenmaß 89 × 98 cm
Wie Kandinsky 1912 in seiner epochemachenden Schrift Über das Geistige in der Kunst darlegt, geht es in seiner abstrakten Malerei vor allem um den «inneren Klang». Eine ganz auf Punkt, Linie und Fläche reduzierte Formensprache mache es möglich, die Seele des Betrachters wie Musik zum Schwingen zu bringen.1
1922, zwei Jahre nach seinem Freund Klee, wurde auch Kandinsky als Meister an das 1919 gegründete Bauhaus in Weimar berufen, und wie für Klee wurden für ihn die vielen Jahre, die er dort verbrachte, zu einer äußerst produktiven schöpferischen Phase. Der freundschaftliche Umgang mit der dort lehrenden Künstlergemeinschaft, der so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Itten, Schlemmer und Moholy-Nagy angehörten, muss eine einzigartige kreative Atmosphäre erzeugt haben, die diese Künstler zu außerordentlichen Leistungen anspornte.
An dieser Schule, an der auch Architektur und Design gelehrt wurden, herrschte ein streng rationaler Geist, der einen starken Einfluss auf Kandinsky ausübte. Im Laufe der zwanziger Jahre wurde seine Malerei immer geometrischer, und unter den Bildfarben begann Schwarz eine immer wichtigere Rolle zu spielen, meist kontrastierend mit flächig aufgetragenen hellen Buntfarben. Auf einem sehr harten Hell-Dunkel-Kontrast ist auch das vorliegende Bild aufgebaut. Eine hellgelbe Teilfläche, auf der oben ein grell weißer Sonnenball schwebt, steht rechts eine tiefschwarze Bildhälfte gegenüber, die ein großer blauer Mond als Nachthimmel erklärt. Während die Formenwelt links vorwiegend aus dynamisch zum Himmel steigenden, also senkrecht ausgerichteten Elementen besteht, herrscht im rot-weißen Liniengebilde rechts die Waagrechte vor. Es ist denkbar, dass sich in diesem 1929 gemalten Bild mit dem mysteriösen Titel Innerer Bund auch die Krise spiegelt, die das Bauhaus in eben diesem Jahr durchmachte. Als der Schweizer Architekt Hanns Meyer, ein bekennender Marxist, von Walter Gropius die Leitung der Schule übernahm, setzte er sich zum Ziel, mehr Gewicht auf «nützliche» Dinge wie den sozialen Wohnungsbau zu legen. Darüber spalteten sich die Meinungen der Künstler, und beschleunigt von den immer heftigeren Drohgebärden der Nationalsozialisten, führte dies schließlich zum Niedergang der einst so renommierten Kunstschule.
1 Wassily Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, Bern 1973, S. 72 f.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 272, Nr. 96.
