Offiziersfriseur
Michail Larionow
um 1907 - 09
Larionows Interesse an primitiver Volkskunst schlägt sich in Darstellungen des kleinstädtischen Lebens der Händler, Bauern und Soldaten und einem vereinfachten, doch expressiven und farbenprächtigen Stil nieder. Bewusst verzichtet er auf akademische Kenntnisse von Perspektive, Anatomie, Proportion und Komposition. Theatralisch inszeniert er die alltägliche Szene vom Besuch eines Offiziers in einem eleganten Frisiersalon. Die affektierte Pose des Friseurs und die neugierige Erwartungshaltung des aufrecht sitzenden Offiziers wirken grotesk, was durch die eigenwillige, bühnenhaft arrangierte Szenerie mit pompösem Vorhang gesteigert wird. Deformiert sind der stark verkürzte rechte Arm des Friseurs und dessen überlange linke Schulter. Die ornamentale Rocailleform des Tischfußes wirkt wie ein Fremdkörper und negiert seine Funktion als stützendes Element.
Larionov’s interest in primitive folklore manifested itself in his depictions of the small-town life of merchants, peasants, and soldiers and in his simplified, yet expressively colourful style. The artist deliberately disclaimed the academic rules of perspective, anatomy, proportion, and composition. In this painting he has theatrically staged the everyday scene of an officer’s visit to a barber’s elegant shop. The barber’s affected pose and the curiously expectant expression of the officer, who sits up straight in his chair, seem extremely grotesque, which is enhanced by the scene’s stage-like setting and the pompous curtain. The barber’s strongly foreshortened right arm and elongated left shoulder appear distorted. The ornamental “rocaille” shape of the table foot is perceived as a foreign object and negates its function as a supporting element.
Rahmenaußenmaß: 140 × 112 × 9,5 cm
Wie so viele Pioniere der modernen Kunst ließ sich der junge Larionow von der Volkskunst inspirieren, die er leidenschaftlich sammelte und der er 1913 in Moskau sogar eine Ausstellung widmete. Von der vertieften Auseinandersetzung mit primitiven Kunsterzeugnissen wie Flugblättern, Kalenderillustrationen oder Votivbildern zeugt auch das vorliegende großformatige Werk, das sicher zu den wichtigsten Arbeiten des hochbegabten jungen Künstlers zählt. Die bewusst verzeichnete Perspektive und die radikale Silhouettierung des Gegenständlichen sind wohl nur vor dem Hintergrund der Volkskunst zu erklären. Dargestellt ist ein säbelbewehrter uniformierter Offizier, der sich in einem eleganten Salon die Haare schneiden lässt. Die affektierte Art, wie der geschniegelte Friseur mit Schere und Kamm hantiert, wirkt unweigerlich komisch, und komisch wirkt auch der pompöse rote Vorhang, welcher der Szene etwas geradezu Theatralisches verleiht. Das Bild ist oben links ins Jahr 1907 datiert, wobei diese Datierung offenbar erst nachträglich angebracht wurde. Es könnte also 206 wie andere ähnlich gestaltete Bilder erst 1909 gemalt worden sein.1 Offenbar blieb das Bild bis zu Larionows Tod in seinem Besitz. Auf einer Photographie, die der amerikanische Kunsthistoriker Alexandre Libermann 1955 im Pariser Atelier des Künstlers machte, ist es im Hintergrund klar zu erkennen.2 Mit dem Thema des Friseurs hat sich Larionow um 1909 noch weitere Male auseinandergesetzt. So gibt es in der Sammlung Batliner auch zwei Tuschezeichnungen, die einen Damenfriseur bei der Arbeit darstellen (Inv. DL352 und Inv. DL353).
1 Vgl. z,B, Ausst.-Kat. Larionov alld Gontcharova, Arts Council, Leeds/Bristol/London1961, Nr. 21. - Anthony Parton datiert das Bild sogar 1910-1912, was aber schon deshalb nicht möglich ist, weil es der Künstler 1911 zum ersten Mal ausstellte.
2 Abgebildet bei Tatiana Loguine, Gontcharova et Larionov - cinquante ans à Saint Germain-des-Prés, Paris 1971, Taf.17.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 206, Nr. 116.
